Anmerkungen eines Tennisbegeisterten zu den Übertragungen der French Open

Eine Glosse von Winfried Weidlich

Ich bin wirklich froh, dass Eurosport die French Open überträgt. So bin ich als Konsument in der Lage, ein Grand-Slam-Turnier sehen zu können, ohne dafür zusätzlich in die Tasche greifen zu müssen. Da Übertragungsrechte vermutlich nicht kostenlos zu haben sind, muss Eurosport die Kosten durch Werbung gegenfinanzieren. Für die Qualität, besser für die fehlende Qualität der Werbung ist der Sender nicht verantwortlich. Also „genieße“ ich pro Satz zwei- bis fünfmal Werbung, die ich freiwillig niemals sehen würde. Diese Zeit nutzen meine Frau und ich, die wichtigen Dinge des Tages zu besprechen oder spielen Sudoku oder ein Blitz-Schach gegeneinander. In den, meist etwas längeren Toilettenpause der Spieler nach jedem Satz lesen wir „Krieg und Frieden“ oder schauen mehrere Folgen von „Game of Thrones“.

Meine größte Freude habe ich an den Kommentierenden – früher Kommentatoren genannt.
Zwei Reporter-Spezies liebe ich ganz besonders. Einmal die Reporter-Legenden, die den Job schon sehr lange machen und im Grunde alles wissen, was man überhaupt über Tennis nur wissen kann. Es gibt doch nichts Interessanteres als mitten in einem ausgesprochen spannenden Ballwechsel zu erfahren, dass genau so einen Ballwechsel 1935 Gottfried von Cramm auf demselben Platz mit einem Volleystop abgeschlossen hat und der Reporter dem Spieler genau dasselbe empfiehlt. Ich habe auch lange gegrübelt, welche Bedeutung die Zahl 13 auf Rafas Schuh hat. Und mitten beim Aufschlag von selbigem Rafa und anschließendem Ballwechsel erfahre ich die Lösung, mitsamt allen Jahreszahlen und Gegnern. Von derartigen Informationen zehre ich mein Leben lang. Ich als Mann bin recht einfach gestrickt und kann natürlich nicht zwei Dinge gleichzeitig verarbeiten. Dass ich beim Zuhören dieser wundervollen Reporter-Informationen den Ballwechsel nicht verfolgen kann und mitunter erst Minuten später erfahre, wer denn nun gewonnen hat, ist nur ein kleines Opfer für mich. Wenn gleich zwei Legenden am Mikro sitzen und sich gegenseitig die verbalen Bälle zuspielen, schalte ich sogar manchmal das Bild aus, nur um diesen weisen Menschen zuzuhören und Wissen aufzusaugen.

Die zweite, nicht minder von mir geschätzte Reporter-Spezies hat sich vermutlich beim Rundfunk die ersten Sporen verdient und diese Rundfunk-Zeit noch nicht ganz hinter sich gelassen. Denn sie kommentieren jeden (oder fast jeden) Ballwechsel nach. Vielleicht haben sie vergessen, dass der Zuschauer sehen kann, wie die Vorhand ins Aus gegangen ist und auch die Geste des Schiedsrichters erkannt hat, mit der er den letzten Ball gut gegeben hat. Früher hat mich diese Art des Kommentars gestört, inzwischen bin ich eher dankbar. Denn ich neige schon zu einer gewissen Vergesslichkeit – und da sind eindringliche mündliche Mehrfach-Wiederholungen mitunter durchaus hilfreich.

Was ich regelrecht genieße, sind die technischen Spielereien der Redaktion und deren Lust an Kreativität. Ich finde es grandios, wenn plötzlich auf meinem Bildschirm zwei Tennisplätze nebeneinander aufploppen. Ein spannender Ballwechsel auf Philippe Chatrier wird ergänzt durch ein Handshake zweier Spieler auf Suzanne Lenglen, weil dort ein Spiel beendet wurde. Der jubelnde Sieger auf dem einen Platz verbindet sich zu einer anmutigen Komposition mit dem Doppelfehler auf dem anderen Geläuf. Ich mache mir mitunter Vorwürfe, dass ich diese innovative Collage nicht so würdigen kann, wie sie es verdient. Mein Fernseher ist zu klein und ich sehe daher gar nicht, was auf diesen beiden Plätzen vor sich geht. Zum Glück wird mir das Geschehen synchron erklärt. Da wir schon im nächsten Jahr, so meine Vermutung, noch innovativer das Geschehen auf vier Plätzen gleichzeitig werden verfolgen können, habe ich vorgesorgt und mit meiner Frau Verhandlungen über den Kauf eines neuen Fernsehers in Gigant-Dimensionen aufgenommen. Wir werden wohl auf unsere 4m-Schrankwand verzichten müssen. Man musss eben Prioritäten setzen.

Was ich auch großartig finde: Wann immer ein deutscher Spieler oder eine deutsche Spielerin einen der großen Plätze betritt, wird dahin umgeschaltet. Egal bei welchem Spielstand. Breakball, Satzball, Matchball – alles weniger bedeutend als ein den Platz betretender Deutscher. Das nenne ich gelungenen Service. Den Ballwechsel auf dem andern Platz hat man schnell vergessen. Der inzwischen eher seltene Auftritt einer Landsfrau oder eines Landsmannes auf einem der großen Plätze verursacht mir jedes Mal Gänsehaut, denn es könnte ja auch das letzte Mal gewesen sein. Und ich kann dann sagen: Ich war dabei. Dank Eurosport und einer umsichtigen Regie. Dagegen ist doch selbst ein noch so spannender Matchtiebreak im fünften Satz relativ unwichtig und bedeutungslos.

Ich bin, wie man lesen kann, mit Eurosport sehr zufrieden. Aber einen Verbesserungsvorschlag habe ich doch.
Manchmal sieht man in einer Schalte die Reporter an ihrem Arbeitsplatz; einer Art Besenkammer, einem Raum ohne Fenster mit Mobiliar, das aussieht wie vom Sperrmüll. In diesem Kabuff sitzen ein oder zwei Menschen auf morschen Stühlen vor kleinen, unscheinbaren Bildschirmen. Dass diese Menschen unter diesen Umständen auch noch freundlich in die Kamera winken, finde ich schon bemerkenswert.
So sollten Eurosport- Reporter oder Reporter allgemein nicht untergebracht werden – egal ob Legenden oder Rookies. Nach meiner Vorstellung sollten Eurosport-Reporter hinter einer getönten riesigen Panoramascheibe mit Blick auf den Platz in ihren Körpern angepassten Sesseln sitzen, neben sich eine große Zahl von Monitoren, die in Sekundenschnelle alle vom Kommentator gewünschten Daten anzeigen. Während der Seitenwechsel werden je nach Wunsch kalte oder warme Getränke gereicht. In den Satzpausen labt man sich wahlweise an einem Buffet oder genießt eine Mehrgänge-Menu der gehobenen französischen Küche. Selbstverständlich steht während der Reportagen ein Masseur bereit und natürlich wartet ein Chauffeur nach dem letzten Matchball, um die Talk-Könige und -Königinnen in ihr Fünf-Sterne-Quartier zu bringen.
Das fände ich angemessen.
Ein kleiner, durchaus nicht unerwünschter Nebeneffekt: Bei einer derartigen Unterbringung würden sie auch vermutlich deutlich weniger reden.