Viel Lärm um Nichts – Kein neues LK-System in Sicht

von Winfried Weidlich

Warten auf Godot ist das wohl bekannteste Bühnenstück von Samuel Becket, in dem zwei Landstreicher auf Godot warten, den sie nicht kennen und von dem sie nichts Genaues wissen, nicht einmal, ob es ihn überhaupt gibt. Das Warten auf Godot ist vergeblich, denn tatsächlich erscheint er nie.
Das erinnert mich stark an das neue LK-System.

Erinnern Sie sich: Im Sommer 2017 gab es kein anderes Thema als das LK-System. Sogar ein Marktforschungsunternehmen befragte in einer vom DTB in Auftrag gegebenen umfangreichen Umfrage Spielerinnen und Spieler zu ihren Wünschen und Vorstellungen bezüglich eines neuen Leistungsklassen-Systems – und mehr als 37.000 Teilnehmer antworteten und äußerten sich. 97 % der Befragten bewerteten diese Umfrage durch den Deutschen Tennis Bund und damit die Einbeziehung der Spieler in mögliche Reformen als äußerst positiv. Nach ersten Auswertungen formulierte der DTB als Ziel, das Leistungsklassen-System sowohl im Sinne der aktiven Spieler als auch der Landesverbände und der Vereine weiterzuentwickeln und uns damit zukunftsorientiert aufzustellen.

Und heute, mehr als ein Jahr später: Warten auf Godot bzw. auf das neue LK-System.

Wer wirklich hart gearbeitet hat: der zuständige und mit dieser Frage befasste Ausschuss für Ranglisten und Leistungsklassen. In vielen Sitzungen hat sich der LK-Ausschuss ausgiebig und sehr umfassend mit dem Thema LK-Reform auseinandergesetzt. Neben der Auswertung der großangelegten Umfrage sind Berechnungssyteme von Tennisverbänden anderer Länder und auch verschiedene alternative Systemen anderer Sportarten geprüft worden, bis hin zum Schach. Sowohl der alte als auch der neue LK- und Ranglistenausschuss hat sich einstimmig für das ITN-System entschieden, welches aktuell in Österreich angewandt wird. Das ITN-System ermöglicht eine spielstärkegerechte Darstellung und erfüllt viele Punkte, die an der aktuellen Berechnung kritisiert werden. Es ist ein sportlich gerechteres System und garantiert langfristig eine gerechte LK-Berechnung.
( über das österreichische ITN- System können Sie sich informieren unter
https://weidlichstenniswelt.com/rubriken/nachgedacht/gedanken-zum-lk-system/)

Der Ausschuss hat auch analysiert, dass eine Nachbesserung am vorhandenen LK-System eine Verschlechterung bringen wird, weil damit Vielspieler noch mehr bevorteilt sind und das LK-System sportlich damit ungerechter sein wird. In dem gemeinsamen Workshop zusammen mit dem Ausschuss für Wettkampfsport haben sich alle Teilnehmer für den Wechsel der Berechnung nach dem ITN-System ausgesprochen.

Aber das DTB – Präsidium hat den Vorschlag des LK-Ausschusses abgelehnt und beschlossen, dass das aktuelle LK-System bleibt und nur nachgebessert werden soll, was auch immer das heißen mag.

Nach meiner Information wurde dieser Beschluss gefasst, ohne das sehr arbeitsintensiv und sehr akribisch erarbeitete Konzept des LK-Ausschusses bis zum Ende ausführlich anzuhören und ohne mit den mit den Fachgremien Kontakt aufzunehmen.

Unter sportlichen Gesichtspunkten halte ich die Entscheidung des DTB-Präsidiums für eine Katastrophe, denn die im jetzigen LK-System bestehenden sportlichen Ungerechtigkeiten werden nicht beseitigt, sondern eher vertieft.

Für mich ist der ganze Vorgang ein Schildbürgerstreich oder auch ein Trauerspiel in mehreren Akten:
Akt 1: eine umfangreiche, sicher nicht billige Umfrage durch ein Marktforschungsunternehmen
Akt 2: Jubel über die große Beteiligung
Akt 3: das Versprechen, auf die Wünsche der Spielerinnen und Spieler einzugehen
Akt 4: Beauftragung von Experten für die Erarbeitung eines neuen LK-Systems
Akt 5: Ablehnung der Vorschläge dieser Experten-Komisssion durch das DTB-Präsidium ohne ausführliche und umfassende Anhörung der Vorschläge
Akt 6: weiterwursteln wie bisher, Änderungen sind nicht in Sicht

Für mich persönlich gibt es nur eine Begründung für die aus sportlicher Sicht unverständliche Ablehnung des Konzeptes des LK-Ausschusses: der finanzielle Aspekt überwiegt alle anderen Komponenten wie Sportlichkeit, Transparenz, gerechte Einstufung und andere.

Nach Einführung eines neuen LK-Systems, in dem nicht wie bisher nur Siege, sondern auch Niederlagen (sehr moderat) in die Wertung einfließen sollten, befürchtet der DTB anscheinend einen Rückgang der Teilnehmerzahlen an den für den DTB lukrativen DTB- Ranglistenturnieren und LK-Turnieren, die für reichlich sprudelnde Einnahmen sorgen.
Laut Protokoll der Sitzung der Kommission für Seniorensport vom 20. Juli 2018 macht das Teilnehmerentgelt ca. ein Drittel des DTB – Haushaltes aus.

Dem Präsidium muss klar sein, dass mit dieser Entscheidung gegen den Ranglisten – und LK-Ausschuss ein Vertrauens- und Kompetenzverlust dieses Gremiums verbunden und sportliches, zukunftsweisendes Verhalten des DTB nicht zu erkennen ist.

Und wenn man liest, dass der DTB aus Gesichtspunkten der Gleichbehandlung heraus möglicherweise für ITF-Turniere in Deutschland ab dem Jahr 2020 ebenfalls ein Entgelt oder eine Administrationsgebühr verlangen will, dann kann man die drei Schwerpunkte des DTB für die Zukunft des Seniorentennis sehr gut erkennen.

1. Einnahmen sind sehr wichtig
2. Einnahmen sind auch wichtiger als alles andere
3. nur noch mehr Einnahmen sind wichtiger als Einnahmen

Der Begriff Sport scheint in diesem Konzept, wenn man es denn so nennen kann, nicht vorzukommen – und das Geld für die Umfrage hätte man sich auch sparen können.

Aber Kritik muss auch immer konstruktive Elemente enthalten, daher habe ich einige Vorschläge für die Zukunft:

  • – das für 2010 angedachte Teilnehmerentgelt auch für ITF-Turniere sollte unbedingt so früh wie möglich eingeführt werden – und sei es nur wegen des Gleichbehandlungsgrundsatzes
  • – die Berechnungen für Ranglisten und Leistungsklassen sollten mit einer Gebühr belegt werden, denn nur wenn ein Spieler für etwas zahlt, schätzt er er es auch
  • – auf mybigpoint (Miteigentümer nach meinen Informationen der DTB und einige Landesverbände) sollte man für die aktuelle Einsicht in eigene Ergebnisse und die von Freunden auch eine Gebühr in Form einer Mitgliedspauschale erheben: 20 Euro im Jahr hört sich nach nicht viel an, bei mehreren Hunderttausend bis zu einer Million LK-Besitzer könnte es sich läppern

Jetzt kann ich nur noch hoffen, dass meine Vorschläge nicht wirklich umgesetzt werden – sonst werde ich mich wohl nie wieder auf einem Tennisplatz sehen lassen dürfen.

Aber ich befürchte das Schlimmste.