Wellness

Ich bin ein Mann. Vermutlich denke ich deshalb eindimensional. Was ich nicht verstehe, ist mir suspekt. Wellness (neudeutsch aus well-being und fitness) ist für mich Gurkenscheiben auf die Augen, Joghurt auf die Wangen, Rosenblüten in das Badewasser und Öl über den Kopf. Und natürlich die Seele baumeln lassen. Will ich persönlich nicht. Bei mir baumelt schon genug.

Wellness ist toll. Sagt meine Frau. Vor ihrem Wochenende in einer Wellness-Oase. Ich gönne ihr das. Aber es versetzt mich jetzt schon in Panik. Wie äußere ich mich bei ihrer Rückkehr? Sage ich ihr, wie gut sie jetzt nach der Wellness aussieht: kontraproduktiv („und wie habe ich vorher ausgesehen?“). Sage ich nichts: verkehrt („bemerkst du denn gar nichts?“) Wellness der Ehefrau ist für den Mann Horror pur.

Bemerkenswert ist, dass wir Männer natürlich auch Wellness praktizieren, nur reden wir nicht darüber.

Intensive Repair ist in der Senioren-Umkleidekabine das Abwickeln von Leibwärmern, Hüftgürteln und Nierenschonern, den sogenannten Ägyptos-Wickeln. Esoterische Wasserbehandlungen nennen wir schlicht duschen. Und das Abrubbeln mit flauschigem Frottee bezeichnen wir Männer gerne als quästen. Die Finnen schlagen sich mit Birkenzweigen, ich rubbel lieber mit Frottee. Man muss es ja nicht übertreiben.

Wellness-Bäder sind nicht jedermanns Sache. Schon Kleopatra hat für das nach ihr benannte Kleopatrabad viele Esel gemolken, als Gegensatz dazu ist das Schottische Bad wohl nur eine leere Badewanne. Beim Brechelbad möchte ich gar nicht wissen, was drin ist und das Schwebebad wurde vermutlich in Wuppertal erfunden. Das Irische Dampfbad  – Aufguss mit Whiskey statt Kräutern – und das Bierbottichbad (erklärt sich von selbst) werde ich demnächst ausprobieren.

Mein Freund benutzt seit der letzten Heizkostenerhöhung im Winter ein Tepidarium,  einen lauwarmen, kreislaufschonenden Warmraum. Seine Frau nennt es Wohnzimmer. Nicht zu verwechseln mit dem Raum, den seine Frau als Schlafzimmer bezeichnet. Den nennt er Frigidarium.   

Die Vinotherapie ist empfehlenswert – am besten zum Abendessen als rouge, rosso oder tinto. Als Nachtisch empfiehlt sich eine Heilstollen-Therapie. Meine Frau und ich bevorzugen die Dresdner Variante mit Rosinen.

Was wir Männer gar nicht brauchen: die Farbtherapie. Sandalen mit weißen Tennissocken sind für einen Modeschöpfer nicht die höchste Stufe einer gelungenen Farbkomposition, aber für uns Männer zu fast jedem Anlass passend.

Schröpfen versteht nur das Finazamt als Wellness.

Pilates  ist übrigens nicht die vom berühmten Pontius erfundene Händewasch-Zeremonie, sondern von Joseph Huber Pilates aus Mönchengladbach erfundene Übungen für Bauch, Beine, Po. Brauche ich nicht. Habe ich alles schon. Bauch sogar im Übermaß. Bei meiner ersten Pilates-Stunde sollte ich die Übung machen “Der Tibeter begrüßt den Kranich in der Morgensonne“. Ich entschloss mich zur Übung “Ein Tennisspieler verlässt im Mondschein das Clubheim“. Das war dann für mich das Ende des Kurses.

Die Klangschalen-Massage bringt mir nichts wegen meines Hörschadens (ich höre ja nicht mal den Dicken Pitter im Kölner Dom),  Biodanza – die Seele öffnet sich durch Tanz – hat mir mein Arzt verboten wegen meiner künstlichen Hüfte, die Atemtherapie ist überflüssig (ich atme automatisch) und Bodyscan wird an jedem Flughafen praktiziert (wieso dann dafür noch bezahlen).

Gymnastik nach dem Rhythmus des Mondes ist hoch interessant, aber für mich unverständlich. Alle machen dieselben Übungen, aber sie wirken je nach Sternzeichen höchst unterschiedlich. Was beim Wassermann die Verdauungsorgane in Gang bringt, lässt bei der Jungfrau den Beckenboden vibrieren, führt beim Krebs zu einem flotten Gang und stimuliert den Löwen zu sexuellen Höchstleistungen. Bei Neumond wirken diese Übungen allerdings überhaupt nicht. Weder bei Jungfrauen noch bei Löwen.

Ich mag Fengh Shui. Ist aber schwer zu verstehen, wenn man kein Chinese ist. Trotzdem ein Versuch: Im eigenen Körper leben irgendwelche Yin und Yang, von denen man nicht weiß, was sie anrichten; durch deine Wohnung ziehen sich Wasseradern, die deinen Schlaf verhindern. An diesen wiederum wohnt ein unsichtbarer Drache, auf dessen Rücken oder Nacken man aber auf keinen Fall Möbel deponieren sollte. Und ihn niemals nachts belästigen.

Auch ohne Feng Shui: ich würde es gar nicht wagen, meinen Drachen zu belästigen, und schon gar nicht nachts. Und wenn aus Versehen doch einmal, dann gibt es nur eine Art der Wiedergutmachung: eine Wellness-Therapie, die Frauen geradezu lieben: die Edelsteintherapie.

Ich habe mir vorgenommen, vor der nächsten Saison alles auszuprobieren – meine Frau meint, ich sollte mit der letztgenannten Therapie schon einmal anfangen.

© 2017 weidlichstenniswelt

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