ü, ß und andere Ungereimtheiten

Über unsere Muttersprache kann man sich unendliche Gedanken machen – und man entdeckt immer wieder Neues. Warum haben wir eigentlich so gar keine Vorliebe für die Buchstabenkombination „szy“ wie andere Nationen? Vielleicht wegen unangenehmer Worte wie Arbeitszyklus, Iriszyste oder auch geheimnisvoller wie Vortriebszylinder oder Wartungszyklen. Mit dem „ß“ haben wir übrigens noch weniger am Hut. „ß“ gibt es nicht einmal als Großbuchstaben.
In unserer Sprache lassen wir auch gerne das „ü“ links liegen. Dabei gibt es 784 Worte mit „ü“ von Aasgerüche bis hin zu übelgenommen. Gülle finde ich persönlich sehr interessant. Heißt auf türkisch Auf Wiedersehen. Hat etwas, finde ich. Denn Gülle und Wiedersehen ist auch bei uns nicht ganz so abwegig. Da muss man nicht mal auf dem Land wohnen. Dass wir das „x“ so selten gebrauchen, ist verständlich, denn Worte wie Defäkationsreflex oder Randexistenz sind nicht wirklich beliebt. Und bei unserer Abneigung gegen Umlaute wundert es nicht, dass ä, ö, und ü in unserer Sprache in nur einem einzigen Wort gemeinsam vorkommen: Ölüberschussländer. Fehlt bloß noch das „ß“. Gläubiger oder gläubiger, fremde Speisen oder Fremde speisen – die Groß- oder Kleinschreibung ist nach wie vor nicht unkompliziert; ähnlich ist es auch mit dem Dativ („ich habe Dir versprochen“) und dem Akkusativ („ich habe mich versprochen“). Auch bei anderen Begriffen muss man höllisch aufpassen: Schmalz vom Schwein ist lecker, aus dem eigenen Ohr weniger. Wenn Sie beim Bäcker lesen „Schweineohren in eigenem Schmalz gebacken“ fragen Sie sich auf jeden Fall: bezieht sich eigenen auf das Schwein oder den Bäcker? Im Zweifel: Finger weg. Einmachgläser sind mir auch suspekt. Erinnert mich zu sehr an die Zeit, wo derartige Utensilien nachts direkt neben dem Bett geparkt waren. Einmachgläser eben. Reportersprüche sind für mich immer wieder Höhepunkte (oder sagt man Highlights?).
Wussten Sie, dass „Radfahrer Löcher zufahren“? Passiert laut Reportern bei der Tour de France andauernd. Mehr Radrennen bei uns und unsere Straßen wären löcherlos. Zugefahren eben. Diese Löcherzufahrer nennt man Wasserträger. Bei uns ist der Beruf des Wasserträgers ausgestorben. Dafür haben wir Leitungen. Auf selbigen stehen die, die für die Löcher in den Straßen verantwortlich sind.
„Er ist ihm in die Vorhand gelaufen“, habe ich neulich bei einer Tennisübertragung gehört. Grammatikalisch absolut korrekt. Aber auch genauso sinnfrei, oder? Und liebe Reporter, nicht verwechseln: “ein selten spannendes Spiel“ ist das Gegenteil von “selten ein spannendes Spiel.“ Und auf den Satz „Der hat was mit die Augen“ reagiere ich schon nicht mehr. Da weiß ich: der Reporter ist Österreicher. Unsere Sprache ist selbst für Kundige bisweilen nicht immer leicht. Wenn Nachbarn jahrelang nicht mehr miteinander verkehren, sprechen sie nicht miteinander. Wenn Ehepaare jahrelang nicht mehr miteinander verkehren, hofft man, dass sie wenigstens noch miteinander sprechen. Den Satz “Sonntags verkehren die Busse seltener“ wird Familie Busse übrigens gar nicht gerne hören. Und „Berufsverkehr“ in der Nähe eines Bahnhofes kann man so oder so verstehen. Interessant: verkehren gibt es nur aktiv. „Ich wurde verkehrt“ gibt es in der deutschen Sprache nicht, selbst wenn dieser oder jene mitunter am Verkehr nur passiv teilnimmt. Manche Sätze haben ungeahnte Nebenwirkungen. „Mir ist langweilig“ kann ein Satz mit unglaublich vielen Kalorien sein. Und auch ein Gespräch mit dem Partner kann zu erheblichen Missverständnissen führen. „Unten oder oben?“ „Egal“ „Mir auch“. Der Mann denkt an Sex und bekommt die schlechtere Brötchenhälfte. Es gibt Fragen, auf die ich keine Antworten kenne. Wenn die Tabaksteuer vom Rauchen und die Alkoholsteuer vom Saufen abhalten soll, soll die Lohnsteuer von der Arbeit abhalten? Wird mein Laptop schwerer, wenn ich viele Kilobyte Dateien lade? Darf ich auf die Frage : Ist der Hund von Ihnen?“ tatsächlich antworten, dass wir ihn adoptiert haben, weil meine Frau und ich keine eigenen Hunde bekommen können? Und ist es wirklich halb so wild, wenn man etwas Schweinefleisch in das Hirschragout gibt? Fragen Sie als Frau mal einen Mann nach den Kilowatt seiner Verbrennungskraftmaschine.
Sie werden staunen. Erstens heißt es nicht Verbrennungskraftmaschine, sondern Motor. Und zweitens heißt die männliche Richtzahl PS und nicht KW. Letzteres ist für einen Mann der Stromverbrauch von Küchengeräten. Was den Mann auch nicht interessiert: dass James Watt sowohl PS als auch Watt erfunden hat. Durch Berechnung eines Pferdegöpels. Und fragen Sie um Himmels willen niemals einen Mann, was ein Pferdegöpel ist. Nachdenklich machen mich auch Aussagen in Studien, dass Raucher, Übergewichtige oder Fleischesser eine höhere Sterblichkeit haben als Andere. Ich habe mich bei Statistikern, Einwohnermeldeämtern und sogar Bestattern erkundigt: Diese Aussage ist falsch. Definitiv. Alle Menschen haben eine Sterblichkeitsquote von 100 %. Ausnahmslos. Alle. Selbst Veganer.
Und unsere Vorfahren, die Sensoren am und im Auto oder gar Einparkhilfen nicht kannten, hätten mit dem folgenden Satz aber auch rein gar nichts anfangen können:„Beim Rückwärtseinparken sollte man die Musik leiser drehen, sonst sieht man nichts.“

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