Quo vadis, Davis Cup?

Ein Gastkommentar des renommierten Tennistrainers Sven Lindberg 

Was haben Lucas Pouille, Frederico Del Bonis, Radek Stepanek und Paul Henri Mathieu gemeinsam. Richtig! Sie alle gewannen im Finalspiel des Davis Cups die entscheidende fünfte Partie und spielten sich damit ins Gedächtnis der nationalen Tennisfans ihres Landes.
Hierzulande erinnert sich der Tennisfan vielleicht auch noch an Spieler wie Steeb, Zoecke, Goellner, Westphal oder Waske. Wenn ich an diese Spieler denke, fallen mir zuallererst epische Davis Cup – Schlachten ein. Steeb rang beim ersten Davis Cup -Sieg Deutschlands den haushohen Favoriten Mats Wilander in fünf Sätzen nieder und ebnete damit den Weg zum „Wunder von Göteborg“. Westphal wiederum gewann auch als klarer Außenseiter in einem epischen Match nach fast fünfeinhalb Stunden gegen Tomáš Šmíd und brannte sich ins Gedächtnis der Zuschauer ein. An Goellner erinnere mich, als auch er 1993 eine überragende Davis Cup – Saison spielte und viele Punkte zum letzten deutschen Davis Cup – Sieg beisteuerte, wobei natürlich auch Michael Stich, vor allem im Finalspiel (mit drei Punkten) einen Löwenanteil am Gesamtsieg hatte. Waske riskierte Gesundheit und schaffte mit Petzschner im Doppel trotz schwerer Verletzung noch einen Sieg. Gebracht hat es leider nichts, denn Deutschland verlor damals trotzdem 2-3 gegen Russland und Waske fiel danach lange aus. Seither verbinde ich Waske vor allem mit diesem grandiosen Doppel. Und nicht zu vergessen, Boris Beckers legendärer Kampf in Hartford gegen John McEnroe im Abstiegskrimi. Jeder der diese Matches gesehen hat, erinnert sich noch daran, als sei es gestern gewesen. Aber es sind diese epischen Matches, oftmals über fünf Sätze, ohne Tiebreak im Fünften, an die sich der Fan erinnert und die Geschichte schreiben. Die Spieler spielen für ihr Land und gehen über ihre Grenzen. Die Ehre für das eigene Land zu spielen und nicht das Geld oder Weltranglistenpunkte stehen im Vordergrund.

Nun hat sich also leider das Geld der Kosmos Gruppe um den Fußballer Piquet durchgesetzt. Alle waren sich einig, dass der Davis Cup Veränderungen brauchte, aber dieser undurchdachte Schritt war vollkommen der Falsche. Mit den Spielern wurde wohl wenig bis gar nicht kommuniziert. Der Termin ist eine Katastrophe. Mir als Fan blutet dabei das Herz. Die Entscheidung ist für mich genauso wenig nachvollziehbar, wie eine Vergabe der WM im Fußball nach Katar. Dass die anberaumten Termine im Dezember vielleicht nicht ganz so in den Kalender passen und dass es noch viele andere offene, nicht geklärte Fragen gibt, fällt den Entscheidungsträgern erst dann auf, wenn es kein Zurück mehr gibt und längst alles klar ist. Naja, vielleicht erwägt man ja demnächst auch mal die Austragung eines sportlichen Großereignisses in Riad. Geld ist dort ja zur Genüge vorhanden.

Was mich persönlich vor allem stört, ist, dass Offizielle diese Entscheidungen treffen, die keinen Sinn für Traditionen haben, die selbst keine Tennisspieler sind und die sich darüber hinwegsetzen, was sich Fans und Spieler wünschen. Stattdessen dominiert Lobbyarbeit. Es riecht auch ein bisschen nach Korruption. Wie dem auch sei. Die Entscheidung scheint nicht mehr rückgängig zu machen. Schade um den Davis Cup.

Was aber würde ich mir als biederer Tennisfan für diesen bereits seit 1900 ausgetragenen Traditionswettbewerb wünschen. Ich fände es gut (auch wenn es wohl Utopie ist), wenn nicht das Geld an erster Stelle stehen würden, sondern der Wettbewerb selbst, die Nationen und die Fans. In Indien, als Spanien zu Gast war im Jahr 2016, wurde den Zuschauern freier Eintritt gewährt. Damit gelang dem indischen Verband eine großartige Werbung für den Tennissport. Dies wäre ein nachahmenswertes Beispiel. Sicher, wenn kein Sponsor zur Seite steht, verlieren die Verbände natürlich Geld. Aber volle Stadien und eine ausgelassene Stimmung haben das gewisse Etwas. Als Fan ist es mir egal, ob Zverev, Kohlschreiber oder Hanfmann und Marterer spielen. Alle diese Spieler bieten gutes Tennis. Ich kann da nur von mir persönlich sprechen, aber mich interessiert der Sport an sich, und nicht die großen Namen.
Es ist komisch und zugleich verwunderlich zu lesen, dass sich sämtliche Spieler aus der zweiten Reihe negativ zur neuen Davis Cup – Reform äußern. Der Niederländer Robin Haase stellte zuletzt im Tennis Magazin die Frage, „ob Roger Federer der Davis Cup sei“? Und genau das bringt es doch auf den Punkt. Nicht die Namen der Spieler zählen in diesem Wettbewerb, sondern die Namen der Nationen und die Historie. Wie viele Veranstaltungen haben wir denn im Tennis, die auf eine so lange Tradition zurückblicken können?

Neben vollen Stadien und guter Stimmung würde ich mir für den Davis Cup wünschen, dass jene Spieler zum Einsatz kommen, die wirklich dauerhaft für ihr Land spielen wollen, und nicht, wenn es ihnen mal so in den Kram passt. Das Hauptproblem des Davis Cups ist, dass die Topspieler nicht mehr regelmäßig angetreten sind. Ja und, dann hätten die Verantwortlichen die Spieler besser promoten müssen, die spielen wollten. In Portugal im letzten Jahr waren auch die Topspieler Zverev und Kohlschreiber nicht am Start. Trotzdem haben wir ein tolles Davis Cup-Match gesehen. Für Spieler wie Pütz, Stebe und auch Struff eine super Gelegenheit, sich zu präsentieren. Das sind tolle Spieler, die mit Ausnahme von Struff, komplett unter dem Radar laufen. Und trotzdem haben sie damals den Klassenerhalt gesichert und zumindest mich persönlich begeistert.


Anmerkungen der Redaktion:
Der neue Austragungsmodus des Davis Cups ab 2019

  • In einer Vorrunde im Februar mit Heim- und Auswärtspartien qualifizieren sich zwölf von 24 Teams (12 aus der Weltgruppe, 12 aus den Zonengruppen) für die Finalwoche.

  • Die Finalwoche wird im November – eine Woche nach den ATP World Tour Finals – in Madrid (Spanien) ausgetragen.

  • Gespielt wird das große Finalevent mit 18 Teams (12 Gewinner aus der Vorrunde, 4 Vorjahreshalbfinalisten, 2 Wildcards) zunächst in einem Gruppenmodus (6 Dreiergruppen)

  • Die besten acht Mannschaften (6 Gruppenerste, 2 Tabellenzweite) kämpfen anschließend im K.O.-System um den Sieg.

  • Sowohl in der Vorrunde als auch in der Endrunde wird nur noch über zwei Gewinnsätze gespielt. Alle Begegnungen in der Finalwoche bestehen nur noch aus zwei Einzeln und einem Doppel.

  • Quelle: DTB