Mannschaftsaufstellungen – deutsche Ordnung oder wilder Westen

von Winfried Weidlich

Vorbemerkungen

Die Mannschaftsaufstellungen der Regionalligen für die Sommersaison 2022 sind veröffentlicht. Die Aufstellungen von Mannschaften ist in der Wettspielordnung des DTB geregelt, aber auch die Leistungsklassenordnung und deren Durchführungsbestimmungen spielen eine nicht unwesentliche Rolle und sind zu beachten.
Man sollte meinen, dass diese Regelungen zu Mannschaftsaufstellungen führen, die auf einheitlichen Grundlagen und Kriterien beruhen und daher auch gleichen Maßstäben unterliegen. Dies ist nicht immer der Fall. In meinen Augen sind vor allem bei Mannschaften, die höhere Ziele als nur den Klassenerhalt in der Regionalliga verfolgen, die Regeln sehr weit und bisweilen über die Grenzen des noch Nachvollziehbaren ausgelegt.

Maßgeblich für die Feststellung der Spielstärke ist die jeweils gültige Deutsche Rangliste, dann das LK-System (§ 5 1. Wettspielordnung DTB )

Bei der strikten Befolgung dieser Regel ist die Aufstellung eindeutig und unproblematisch. Es werden die Ranglistenspieler nach ihrer Position in der Rangliste aufgestellt. Spieler, die nicht in der Deutschen Rangliste, die mit dem Cut endet, aufgeführt sind, werden nach den Ranglistenspielern gemäß ihrer LK aufgestellt.

Für die Bundesligen und Regionalligen der Damen und Herren gilt ergänzend, dass die für die Mannschaft vorgesehenen Spieler zunächst in der Reihenfolge der zwei Wochen vor dem Meldetermin gültigen ATP- bzw. WTA-Einzelrangliste (bis zur Position 500) aufzuführen sind (§5 WO 2.).

Diese sinnvolle Regelung gilt nicht für Senioren-Mannschaften, obwohl in den Altersklassen 30 und 40 Spieler gemeldet werden, die noch ATP- oder WTA-Turniere spielen. Die ITF-Rangliste ist als Kriterium für die Aufstellung auch nicht genannt.

Für Spieler ab Damen 30/Herren 30 kann in Einzelfällen eine Einstufung der individuellen Spielstärke unter Berücksichtigung sportlicher Aspekte (u. a. von in der Vergangenheit erzielten Ergebnissen) vorgenommen werden (§ 5 WO 3.)

Dieser Passus ist geradezu ein Freifahrtschein für die Abweichung von der Regel der WO, wie die Spielstärke festzustellen ist. Die individuelle Spielstärke kann sich von Woche zu Woche, mitunter sogar von Spiel zu Spiel ändern. Bei einer Aufstellung, die für eine Saison von fünf Monaten gilt, bedarf es nicht subjektiv auslegbarer Regelungen, sondern Regeln nach objektiven Kriterien, selbst wenn diese im Endeffekt auch nicht gerechter sind. Aber klare Regeln, wenn auch nicht unumstritten, gelten für alle gleichermaßen.
Die Aussage „u. a. von in der Vergangenheit erzielten Ergebnissen“ öffnet Fehlinterpretationen Tür und Tor. Welche Ergebnisse eines Spielers in der Vergangenheit kann man noch werten? Die Ergebnisse des letzten Jahres, der beiden letzten Jahre oder zählen auch noch Siege von 2010 oder gar 2005?

Spieler, die auf den Plätzen 1 bis 6, bei 4er Mannschaften auf den Plätzen 1 bis 4 gemeldet sind, dürfen nur eingesetzt werden, wenn sie an mindestens zwei Mannschaftswettkämpfen gemäß § 19 Ziffer 4 ihrer Regionalliga bzw. – mangels Regionalliga – ihrer höchsten Verbandsspielklasse in der entsprechenden Altersklasse teilgenommen haben. (§17 WO )

Bei Mannschaften, die sich Hoffnung auf die Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft machen, hat die Neigung, möglichst viele ausländische Spieler an den Positionen 1-6 zu melden, deutlich zugenommen. Zumindest einige von diesen Spielern scheinen nur „pro forma“ gemeldet zu sein. So wird sichergestellt, dass andere Spieler aus dem Kreis der Top sechs herausfallen und somit nicht der Regelung unterliegen, mindestens 2x gespielt zu haben, um an der Endrunde teilnehmen zu dürfen.

Beispiele
Endrunden 2021 der Herren 40
– eine Mannschaft setzte alle an 1-6 gemeldeten Spieler ein
– zwei Mannschaften setzten zwei von den an 1-6 gemeldeten Spielern nicht ein
– eine Mannschaft setzte vier von den an 1-6 gemeldeten Spielern nicht ein
Endrunde 2021 der Herren 50
– eine Mannschaft setzte einen von den an 1-6 gemeldeten Spielern nicht ein
– zwei Mannschaften setzten zwei von den an 1-6 gemeldeten Spielern nicht ein
– eine Mannschaft setzte drei von den an 1-6 gemeldeten Spielern nicht ein

Einstufung über Rangliste: Für Spieler, die auf der Deutschen Rangliste verzeichnet
sind (Damen, Herren, Senioren/-innen), wird gemäß Anhang A.5 ein LK-Wert (mit einer Nachkommastelle) aus dem Ranglistenplatz errechnet. Ist dieser besser als die
erspielte LK oder hat der Spieler noch keine LK-Einstufung, so wird der Wert die neue
LK des Spielers. (§10
4. LKO Durchführungsbestimmungen)

Spieler, deren LK schlechter ist als nach ihrem für ihre Altersklasse errechneten Ranglistenwert, werden entsprechend hochgestuft. Diese Regelung hat kaum Auswirkungen, da fast alle Spieler eine bessere erspielte LK besitzen als ihnen nach der Ranglistenposition zugewiesen werden soll.

Umstufung: In begründeten Fällen können vom Landesverband im Rahmen der Standardbesteinstufung bzw. in der Bundesliga Herren 30 und den Regionalligen aller Altersklassen von den jeweils zuständigen Gremien auch Umstufungen vorgenommen
werden, allerdings nur im Zeitraum der namentlichen Mannschaftsmeldungen. (§10 4. LKO Durchführungsbestimmungen)

Ein in meinen Augen absolut kontraproduktives System ist die Anpassung der LK bei Mannschaftsaufstellung. Wird ein Spieler – egal aus welchen Gründen – mit einer schlechteren LK vor einem Spieler mit einer besseren LK aufgestellt, so erhält dieser Spieler oftmals automatisch die bessere LK des hinter ihm in der Mannschaftsmeldung aufgeführten Spielers. Dieses System der LK-Anpassung wird in den Regionalligen unterschiedlich gehandhabt. In einigen Fällen wird es praktiziert, in anderen Fällen nicht. Ein einheitliches Regionalliga-übergreifendes System wird nicht praktiziert, wie man unschwer an Mannschaftsaufstellungen erkennen kann.
Die Einstufung oder Umstufung ausländischer Spieler, die weder in der DTB- noch in der ITF-Rangliste erfasst sind, vollzieht sich, durch wen auch immer, völlig intransparent und ist mitunter nicht einmal in Ansätzen nachzuvollziehen.

Was nicht geregelt ist

Jeder deutsche Spieler, der eine ID besitzt, hat auch eine LK. Da ist eine Einordnung nach Rangliste und dann nach LK in jedem Fall möglich und kein Problem. Problematisch ist die Zuordnung einer LK an diejenigen ausländischen Spieler, die keinerlei Turniere spielen und folglich nirgendwo erfasst sind. Rückblicke auf die Leistungen vergangener Jahre oder gar Jahrzehnte können kein Maßstab sein. Die Einordnung dieser Spieler muss dringend allgemeingültig geregelt werden.

Beispiele Mannschaftsmeldungen 2022

Im folgenden sind einige Mannschaftsaufstellungen der AK40, 50 und 60 aus allen Regionalligen aufgeführt. An Hand dieser Beispiele ist zu erkennen, wie unterschiedlich Mannschaftsaufstellungen sind. Bisweilen spielen Ranglistenplätze keine oder nur eine völlig untergeordnete Rolle; selbst sehr hohe ITF-Platzierungen werden nicht berücksichtigt. Transparenz bei den Aufstellungen ist nicht zu erkennen. Dass sich durch so unterschiedliche Aufstellungen vor allem in den Endrunden Probleme ergeben können, liegt auf der Hand.
Es ist auffällig, dass ausländische Spieler, die weder in der Deutschen noch in der ITF-Rangliste vertreten sind und deren Spielstärke kaum einzuschätzen ist, überproportional oft auf den ersten sechs Plätzen der Aufstellungen vertreten sind. Zur Klarstellung: ich finde, dass ausländische Spieler zur Steigerung des spielerischen Niveaus beitragen, ich kann nur diese mitunter sportlich sinnfreien Einstufungen der Spielstärke zumindest in dieser Fülle nicht nachvollziehen.
Einem Unbeteiligten würde es nach diesen Beispielen sehr schwerfallen, eher aber sogar unmöglich sein, herauszufinden, nach welchen Kriterien oder Regeln diese Aufstellungen vorgenommen wurden, denn manches ist nur schwer zu erklären.
Nur einige wenige Beispiele:

  • Nr. 2 Dt. RL ist an Pos. 10 gemeldet
  • Nr. 2 ITF-RL ist an Pos. 9 gemeldet
  • Nr. 11 ITF-RL ist an Pos. 10 gemeldet
  • Nr. 6 ist hinter Nr. 200 gemeldet (beide Dt. RL)
  • Nr. 3 ist hinter Nr. 101 und Nr. 258 gemeldet (alle Dt. RL)
  • Nr. 7 ist hinter Nr. 169 und Nr. 258 gemeldet (alle Dt. RL)
  • Nr. 6 ist an Pos. 7, Nr. 16 ist an Pos. 9 gemeldet, beide hinter den Nr. 174, 23 und 67 (alle Dt. RL)

Beispiele Herren 40

Beispiele Herren 50

Beispiele Herren 60

Legende:
D/A = Deutscher / Ausländer
LK = LK, die in der Aufstellung aufgeführt ist;
DT RL= Deutsche Rangliste Stand 31.12.2021; (xx) von AK der Mannschaft abweichende AK
ITF RL = ITF-Rangliste bis Pos 500 oder (xxx ATP) = ATP-Weltrangliste; (xx) von AK der Mannschaft abweichende AK

Gedankenspiele

An dieser Stelle einfach mal einige Gedanken, wie Mannschaftsaufstellungen auch möglich wären

  • Kriterien für die Aufstellung
    – Zuerst sind die ATP- bzw. WTA-Weltranglisten zu berücksichtigen. Das wird vermutlich nur für Mannschaften der AK30 und AK40 zutreffen, sollte aber das wichtigste Kriterium sein.
    – Danach gelten die Deutschen Ranglisten und die ITF-Ranglisten der jeweiligen Altersklasse. Bei der gleichen Position in DTB- und ITF-Rangliste ist die Position der ITF-Rangliste nachgeordnet. Für die ITF-Rangliste gilt der Cut der jeweiligen AK der DTB-Rangliste. Für Spieler einer älteren AK ( ein 45er spielt in der AK 40 oder ein AK 60er spielt in AK50) werden von den Ranglistenpunkten des Spielers einer älteren AK 20- 30% (bei zwei AK Unterschied 40-50%) abgezogen und mit diesem neuen Punktwert wird er in die jüngere AK eingeordnet und entsprechend aufgestellt.
    – Spieler ohne Ranglistenposition bzw. mit Positionen hinter dem Cut (ITF-RL) werden nach ihrer erspielten LK aufgestellt. Für Mannschaftsaufstellungen erfolgen keinerlei Neueinstufungen oder Umstufungen nach einer wie immer festgestellten subjektiven Spielstärke. Es gelten nur erspielte LK.
    – Ausländische Spieler, die in keiner DTB- oder ITF-Rangliste stehen und keine LK besitzen, erhalten die LK, die für den letzten Platz der Rangliste dieser AK vorgesehen ist
  • Eine Einstufung der individuellen Spielstärke unter Berücksichtigung sportlicher Aspekte (u. a. von in der Vergangenheit erzielten Ergebnissen) findet nicht statt.
  • Bei den veröffentlichten Mannschaftsaufstellungen ist zur Erhöhung der Transparenz bei Spielern, die nach der Rangliste aufgestellt sind, die Ranglistenposition (DTB oder ITF) anzugeben, bei Spielern, die nach der LK aufgestellt sind, die entsprechende LK.
  • Es sollte überdacht werden, ob zweimaliges Spielen in der Gruppenhase zur Teilnahme an der Endrunde notwendig ist. Würden sich durch den Wegfall dieser Regelung wirklich gravierende Änderungen ergeben?

Fazit

Es ist sicher unstrittig, dass Mannschaftsaufstellungen, so wie sie für die Saison 2022 veröffentlicht sind, Anlass zur Kritik geben und auch nicht in allen Fällen im Sinne der Wettspielordnung sind. Ich bin sicher, dass sich Verantwortliche auf allen Ebenen Gedanken machen, was man besser und vor allem transparenter machen könnte – vom Sportwart eines Clubs, der die Aufstellungen machen muss bis hin zum Ausschuss für Ranglisten und Leistungsklassen, der für die Regeln zuständig ist.
Es wird vermutlich auch keine Lösung geben, die alle zufrieden stellt. Aber ich glaube, es muss sich etwas tun in diesem Bereich. Es sollte feste Kriterien und eindeutige Regeln geben, an die sich alle halten müssen ohne Möglichkeiten weitreichender Interpretationen.
Wenn Regeln ohne Interpretationsmöglichkeiten für alle gleichermaßen gelten, werden Mannschaftsaufstellungen vermutlich nicht unbedingt sportlich gerechter sein, aber mit Sicherheit nachvollziehbarer und damit auch transparenter.
Und das wäre mit Sicherheit ein Fortschritt.