Die Deutschen Meisterschaften – Nachlese und Ausblick

von Winfried Weidlich

Vorbemerkungen

Die Deutschen Meisterschaften der Seniorinnen und Senioren werden seit 1954, also seit mehr als einem halben Jahrhundert in Bad Neuenahr ausgetragen. Sie waren nicht nur das größte Seniorenturnier in Deutschland, sondern stets auch der Höhepunkt jeder Sommersaison. Nicht von ungefähr wurde Bad Neuenahr als das Mekka des Seniorentennis bezeichnet. In den Hochzeiten des Tennisbooms hatten mehr als 800 Teilnehmer gemeldet und bei den Spielen waren die Plätze umsäumt von vielen Zuschauern.
War man beim DTB und beim HTC Bad Neuenahr noch guten Mutes, nach dem Corona-bedingten Ausfall 2020 wieder zur Normalität übergehen zu können, hat die Katastrophe im Ahrtal im Juli 2021 alle Pläne über den Haufen geworfen und für alle eine völlig neue Situation geschaffen, weil nach dem Ausmaß dieser Zerstörungen die Durchführung einer Meisterschaft 2022 unmöglich geworden war.

Ein großer Dank an Ingelheim

Dass die Deutschen Meisterschaften 2022 überhaupt stattfinden konnten, ist dem Vorstand und der Geschäftsführung des TC Boehringer Ingelheim um Uli Wink und Pascal Häfner zu verdanken, die sich nach ausführlichen Gesprächen am 15.12.2021 mit Jan Hanelt, dem Präsidenten des Tennisverbandes Rheinland-Pfalz, Karin Spanke, der Seniorenreferentin des Tennisverbandes, Jürgen Müller, dem DTB-Seniorenreferenten und Sabine Schmitz, der Spielersprecherin der Seniorinnen, bereit erklärt hatten, diese Meisterschaften durchzuführen.

Für die Verantwortlichen und ihre Helfer in Ingelheim war die Entscheidung für die Deutschen Meisterschaften ein Sprung ins eiskalte Wasser, denn Seniorenturniere dieser Größenordnung gibt es seit Jahren oder besser Jahrzehnten nur zwei in Deutschland: die Deutschen in Essen und in Bad Neuenahr. Die Vorbereitungen für ein Turnier dieser Größenordnung und dieser Klasse betragen im allgemeinen ein Jahr. In Ingelheim hatten sie nur ein halbes Jahr Zeit und mussten im Grunde bei Null anfangen. Was da von allen, die an der Vorbereitung der Meisterschaften beteiligt waren, geleistet wurde, kann sich ein Außenstehender kaum vorstellen. Diese Leistungen sind nicht hoch genug einzuschätzen und wir alle, Turnierteilnehmer, Zuschauer und Tennisbegeisterte allgemein, die bei den Deutschen dabei sein konnten, müssen uns für dieses nicht selbstverständliche große und nicht zu vergessen ehrenamtliche Engagement bedanken.
Was da in Ingelheim auf die Beine gestellt wurde, ist aller Ehren wert.

Nachlese zu den Meisterschaften in Ingelheim

Es liegt vermutlich in der menschlichen Natur, gegenwärtige Situationen und Geschehnisse mit bereits erlebten ähnlichen oder gleichen Situationen zu vergleichen. So wurden auch während der Meisterschaften recht häufig von den Spielern Vergleiche zwischen Bad Neuenahr und Ingelheim gezogen, in einigen Bereichen zugunsten von Bad Neuenahr, in anderen Bereichen zugunsten von Ingelheim. Ohne dass ich auf einzelne Gesichtspunkte eingehen möchte: ich halte generell einen Vergleich dieser Art für ausgesprochen problematisch und auch nicht für fair. Ein Turnier, das seit mehr als 60 Jahren an gleicher Stätte ausgetragen wird und bei dem die Verantwortlichen über mehr als ein halbes Jahrhundert Erfahrung sammeln und immer wieder an Nachfolger weitergeben konnten, ist ein ganz anderes Turnier als eines, bei dem die Entscheidung für die erstmalige Ausrichtung ein halbes Jahr vor Turnierbeginn fällt.

Ein Seniorenturnier wie die Deutschen Meisterschaften mit 500 oder mehr Teilnehmern unterliegt eigenen Gesetzen und anderen Anforderungen als andere Turniere. Ein an sich begrüßenswertes Eingehen auf Spielerwünsche und das Bemühen, es allen recht zu machen, führt bei Turnieren dieser Größenordnungen, bei dem viele Teilnehmer in drei Konkurrenzen (Einzel, Doppel ,Mixed) starten und das auch noch mit Partnern unterschiedlicher Altersklassen, bei zu viel Rücksichtnahme schnell dazu, dass Turnierpläne nicht eingehalten werden können. Als Folge sind Verschiebungen unausweichlich, die wiederum andere Betroffene nicht nachvollziehen können. Vielleicht hätte man mit mehr Erfahrung die Abläufe von Beginn an reibungsloser gestalten und manche Startschwierigkeiten vermeiden können.

Alle Spielerinnen und Spieler haben das Engagement des 1. Vorsitzenden Uli Winck und des Geschäftsführers Pascal Häfner, der Seniorenreferentin Karin Spanke und der mehr als 50 Mitarbeiter erlebt, die ich namentlich hier nicht aufzählen kann. Besonders begeistert waren viele Senioren vom Engagement, der Freundlichkeit und der Hilfsbereitschaft des jugendlichen Duos Hannah Riedle und Tobias Schomburg im Turnierbüro.

Manche Kritik empfand ich als unberechtigt „der Bahnhof ist zu weit weg von der Tennisanlage“, andere berechtigt wie eine fehlende Übersicht , wer auf welchem Platz spielt oder die Namen der Spieler am Platz. Auch sehr frühe Ansetzungen, längere Wartezeiten oder die Öffnungszeiten der Restauration standen in der Kritik. Die Turnierleitung reagierte prompt und man sah bereits in der zweiten Turnierwoche Änderungen und Verbesserungen, so dass mitunter die jüngeren Altersklassen die Kritik der Älteren aus der ersten Woche nicht nachvollziehen konnten.
Was bei Tennisturnieren äußerst selten ist: nicht einmal habe ich Kritik am Zustand auch nur eines Platzes gehört; im Gegenteil: Spielerinnen und Spieler waren voll des Lobes für den hervorragenden Zustand aller Plätze.

Der TC Boehringer Ingelheim hat eine wunderschöne weitläufige Anlage mit 19 Tennisplätzen, von denen 18 für das Turnier zur Verfügung standen. Der Vorteil dieser vielen Plätze für Spieler und Zuschauer: alle Spiele finden auf einer Anlage statt und niemand muss für ein Spiel, auch nicht für eine Nebenrundenbegegnung, die Anlage verlassen. Gewachsener alter Baumbestand verteilt über die gesamte Anlage vermittelt nicht nur viel Wohlfühlatmosphäre, sondern macht es in Verbindung mit den reichlich vorhandenen Sitzgelegenheiten möglich, gut beschattet die Spiele zu verfolgen. Das Clubrestaurant ist großzügig konzipiert und bietet draußen viel schattigen Platz, was bei den herrschenden Temperaturen sehr angenehm war.
Mit dem unglaublich engagierten Personal und diesen räumlichen Gegebenheiten wird nach einigen wenigen organisatorischen Veränderungen der TC Boehringer Ingelheim ein nahezu perfekter Ausrichter der nächsten Deutschen sein können, wenn die Ausrichtung an Ingelheim übertragen wird und Verantwortliche und Clubmitglieder diese nicht einfache und arbeitsintensive Aufgabe wieder übernehmen wollen.

Deutsche Meisterschaften in Bad Neuenahr – der Versuch eines Ausblicks

Die Katastrophe, die die Menschen in Bad Neuenahr getroffen hat, lässt im ersten Moment keinen Gedanken an Tennis zu. Da gibt es Wichtigeres. Aber bei einer Vorschau auf die Zukunft spielt auch Tennis eine Rolle.
Die Motivation bei den Mitgliedern und Verantwortlichen des HTC Bad Neuenahr, allen voran Dr. Karl-Heinz Gödtel und Turnierdirektorin Annette Bartsch, für einen schnellstmöglichen Wiederaufbau der Tennisanlage ist riesig. In erster Linie gilt es, wieder ein normales Clubleben mit Training, Spiel und Wettkampf zu ermöglichen. Es ist aber auch das Ziel, die Deutschen Meisterschaften zum frühestmöglichen Zeitpunkt wieder nach Bad Neuenahr holen, als Zeichen für den Club und auch als Zeichen für die Stadt Neuenahr.

Realistischerweise muss man sagen, dass bei der Fülle der Aufbauaufgaben, die die Stadt Bad Neuenahr, der Landkreis, das Land und der Bund zu bewältigen haben, auch nur eine ungefähre Schätzung nicht möglich ist, wann dieser frühestmögliche Zeitpunkt eintreten kann.

In den Maßnahmeplänen der Stadt Bad Neuenahr ist der Bau der Plätze des HTC vorgesehen.
Von Verantwortlichen des THC Bad Neuenahr habe ich gehört, dass die sechs Plätze des Tennisclubs im Jahr 2023 fertiggestellt sein sollen. Damit ist für den Club ein ganz wichtiger Schritt getan. Zur Zeit ist nicht bekannt, ob im Lennepark Tennisplätze geplant und wenn ja, wann sie fertiggestellt werden können. Im Maßnahmenplan der Stadt habe ich dazu keine Aussage gefunden. Die Erstellung dieser Plätze und eine wieder aufgebaute Infrastruktur
(Verkehrswege, Hotels, Parkplätze usw.) wären für die Durchführung einer Deutschen Meisterschaft aber unerlässlich.
Niemand kann zur Zeit sagen, wann dieses wieder möglich sein wird. Die Hoffnung auf die Fortsetzung einer Tradition sollte zuletzt sterben, auch wenn es unter Umständen lange dauern kann, bis sich diese Hoffnung erfüllt.
Ein Zeichen der Hoffnung ist bereits gesetzt: Die Kommunen an der Ahr wollen gemeinsam eine Perspektive aufzeigen und im Jahre 2030 gemeinschaftlich eine Landesgartenschau im Ahrtal durchführen.
Wir alle hoffen nicht nur, sondern rechnen fest damit, dass Deutsche Meisterschaften deutlich früher wieder in Bad Neuenahr stattfinden können.