Der LK-Altersklassenfaktor – angemessen oder ungerecht?

von Winfried Weidlich

Nach einem Jahr neuer LK-Ordnung sage ich aus voller Überzeugung: die LK 2.0 ist ein gelungener Wurf. Ich würde sogar den Begriff „ein rundum gelungener Wurf“ verwenden, wenn mich nicht ein nicht ganz unwichtiger Berechnungsparameter stören würde: der Altersklassenfaktor.
Dass generell berechnet wird, ob ich gegen einen Älteren oder Jüngeren gewonnen habe, halte ich für sinnvoll. Ein Sieg gegen einen LK-Gleichen, aber jüngeren Spieler, sollte tatsächlich mehr LK-Punkte bringen als der Sieg gegen einen LK-Gleichen, aber älteren Spieler.
Nach meiner persönlichen Meinung, über die man selbstverständlich streiten kann, halte ich die jetzige Berechnung des Altersklassenfaktors für nicht ausgewogen genug und für eine zu große Benachteiligung der älteren Spieler und Spielerinnen.

Die Berechnung des Altersklassenfaktors im LK-System LK 2.0

Die Berechnungsmethode im neuen LK-System beruht im wesentlichen auf den drei Parametern Punkte, Hürde und Altersklassenfaktor, von denen jeder in sich logisch und mathematisch abgestimmt ist und gleichzeitig mit den beiden anderen Parametern ebenfalls in logischem Verhältnis steht. Die Formel der Berechnung lautet:
Verbesserung (V) = Altersklassenfaktor (G) * (Punkte (P) / Hürde (H)
Die Punktzahl (P) ergibt sich aus der LK-Differenz der beiden Gegner. Der Hürdenwert (H) ist abhängig von der LK des Siegers und entspricht im Grundsatz der Punktzahl, die bei dieser LK erforderlich ist, um eine ganze LK-Stufe aufzusteigen. Diese beiden Parameter sind für alle gleich und altersunabhängig.
Ein Spieler mit der LK 15 erhält für einen Sieg gegen einen anderen LK15er immer dieselben Punkte und unterliegt demselben Hürdenwert, egal wie alt die Spieler sind. Erst der Altersklassenfaktor (G), also die Berücksichtigung der Altersklasse, in der ein Spiel ausgetragen wird, ergibt eine unterschiedliche Verbesserung der LK.
Der Altersklassenfaktor beträgt in der offenen Klasse 100 % und verringert sich in jeder Altersklasse ab AK 30 um 5 %, wie aus der folgenden Tabelle ersichtlich ist.

AK 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 90
AK-Faktor in % 90 85 80 75 70 65 60 55 50 45 50 35 30

Beispielberechnung für die Auswirkung des Altersklassenfaktors

AK des Verlierers offen 30 40 50 60 70 80
Punkte für Sieger, beide LK9 0,172 0,155 0,138 0,121 0,103 0,086 0,069
Punkte für Sieger, beide LK12 0,228 0,205 0,183 0,160 0,137 0,114 0,091
Punkte für Sieger, beide LK15 0,301 0,270 0,240 0,210 0,180 0,150 0,120

Wie eine Punktejagd aussehen kann

Ein Spieler der AK70 beginnt in Woche 1 mit LK15 seine Punktejagd und gewinnt jede Woche ein Match gegen einen anderen AK70er, der immer genau dieselbe LK besitzt. Die Spiele finden in der AK 70 ohne Bonuspunkte statt.

      Sieg gegen neuer Motivations- nach Abzug  
Wochen LK Begleitwert gleiche LK Begleitwert Aufschlag Motivaufsch. LK
1 15,0 15,000 0,150 14,850 0,025 14,875 14,8
2 14,8 14,875 0,147 14,728 0,025 14,753 14,7
3 14,7 14,753 0,146 14,607 0,025 14,632 14,6
4 14,6 14,632 0,145 14,487 0,025 14,512 14,5
5 14,5 14,512 0,143 14,369 0,025 14,394 14,3
6 14,3 14,394 0,141 14,253 0,025 14,278 14,2
7 14,2 14,278 0,140 14,138 0,025 14,163 14,1
8 14,1 14,163 0,138 14,025 0,025 14,050 14,0
9 14,0 14,050 0,137 13,913 0,025 13,938 13,9

Nach neun Wochen mit neun Siegen gegen Spieler immer genau seiner LK und wöchentlichen Abzügen des Motivationsaufschlages hat der Spieler die LK13,9 erreicht. Den Rest des Jahres spielt er nicht mehr, erhält keine Punkte und Woche für Woche werden ihm 0,025 Punkte, also gesamt 1,075 Punkte abgezogen.

      Sieg gegen neuer Motivations- nach Abzug  
Wochen LK Begleitwert gleiche LK Begleitwert Aufschlag Motivaufsch. LK
10-52 13,9 13,938     1,075 15,013 15,0

Es ist übrigens gleichgültig, ob er seine neun Siege gegen dieselbe LK am Anfang des Jahres, über das Jahr verteilt oder in der letzten Woche des Jahres absolviert, das Endergebnis unterscheidet sich nur in wenigen tausendstel Punkten und ist nicht wirklich relevant.
Er muss immer, um seine LK zu halten, in 52 Wochen neun Siege gegen Spieler derselben LK einfahren.

Wie viele Siege benötigt ein Spieler in einem Jahr, um seine LK zu halten?

In unserer Beispielrechnung gehen wir davon aus, dass ein Spieler seine Siege gegen einen Spieler derselben LK holt. Ein Spieler benötigt im Jahr 1,3 LK-Punkte, um den jährlichen Motivationsaufschlag auszugleichen. Bei unserer vereinfachten Berechnung ist es möglich, dass bei den zweiten oder dritten Stellen hinter dem Komma Ungenauigkeiten auftreten und die Berechnungen daher nicht 100prozentig genau sind. Aber die Tendenzen, wie viele Siege man zum LK-Erhalt benötigt, sind deutlich sichtbar. Da es 6,5 oder 7,3 Siege nicht geben kann, haben wir immer auf die nächsthöhere Zahl (also von 6,5 auf 7 und von 7,3 auf 8) aufgerundet.
Natürlich entspricht unsere Annahme, immer gegen dieselbe LK zu gewinnen, nicht der Wirklichkeit. Da es unmöglich ist, auch nur einige andere mögliche Konstellationen zu berechnen, haben wir diese Möglichkeit der Berechnung gewählt. Es geht auch im Grunde nur darum, zu zeigen, wie stark sich der derzeitige Altersklassenfaktor auf die Entwicklung einer LK auswirkt.

AK des Verlierers offen 30 40 50 60 70 80
Anzahl Siege für LK-Erhalt, beide LK9 8 9 10 11 13 16 19
Anzahl Siege für LK-Erhalt, beide LK12 6 7 8 9 10 12 15
Anzahl Siege für LK-Erhalt, beide LK15 5 5 6 7 8 9 11

Ein Alternativ-Vorschlag

Wir benutzen den Begriff Altersfaktor, weil wir nicht von Altersklassen ausgehen, sondern Altersunterschiede zwischen Sieger und Verlierer als Berechnungsgrundlage verwenden.
Dabei beschränken wir uns auf die Erwachsenen und lassen Berechnungen für Jugendliche außen vor

In unserem Vorschlag gilt generell:

  • Auch in unserem Vorschlag erhält nur der Sieger Punkte.
  • Für alle Ergebnisse zwischen Spielern, die beide nicht älter als 39 Jahre sind, gilt der Altersfaktor 100%; es gibt also keinen Abzug, egal ob der Jüngere oder der Ältere gewinnt.
  • Ab dem 40. Lebensjahr gilt für Siege gegen Spieler desselben Alters und für Siege gegen jüngere Spieler der Altersfaktor 100% unabhängig vom tatsächlichen Alter von Sieger und Verlierer.
  • Ab dem 40. Lebensjahr zählt nur der Altersunterschied zwischen Sieger und Verlierer unabhängig vom tatsächlichen Alter von Sieger und Verlierer.

Altersfaktor mit konstanter Berechnung

Variation 2% – vom Faktor 100 % werden pro Jahr Altersunterschied 2 % abgezogen
Der Altersfaktor beträgt
– 1 Jahr Altersunterschied 98%
– 5 Jahre Altersunterschied 90%
– 10 Jahre Altersunterschied 80%
– 15 Jahre Altersunterschied 70%
– 20 Jahre Altersunterschied 60%
– 25 Jahren Altersunterschied 50%

Variation 3% – vom Faktor 100 % werden pro Jahr Altersunterschied 3 % abgezogen
Der Altersfaktor beträgt
– 1 Jahr Altersunterschied 97%
– 5 Jahre Altersunterschied 85%
– 10 Jahre Altersunterschied 70%
– 15 Jahre Altersunterschied 55%
– 20 Jahre Altersunterschied 40%
– 25 Jahren Altersunterschied 25%

Altersfaktor mit variabler Berechnung

Es ist eine Tatsache, dass sich gerade beim Tennis Altersunterschiede in höherem Alter deutlicher bemerkbar machen als in jüngeren Jahren. Anders ausgedrückt: vier Jahre Altersunterschied zwischen einem 70jährigen und einem 74jährigen fallen mehr ins Gewicht als zwischen einem 40jährigen und einem 44jährigen.
Diese Unterschiede haben wir in den folgenden Berechnungen berücksichtigt.

Ein abgestufter Altersfaktor (also der Altersfaktor mit Abzügen) beginnt erst bei Spielern, die 40 Jahre oder älter sind und ergibt sich immer aus der Differenz zwischen dem Alter des jüngeren Siegers und des älteren Verlierers.

Der Altersfaktor richtet sich nach dem Alter des Verlierers und beträgt
– Alter des Verlierers zwischen 40 und 49 Jahren pro Jahr minus 1% (oder 1,5%)
– Alter des Verlierers zwischen 50 und 59 Jahren pro Jahr minus 1,5% (oder 2%)
– Alter des Verlierers zwischen 60 und 69 Jahren pro Jahr minus 2% (oder2,5%)
– Alter des Verlierers zwischen 70 und 79 Jahren pro Jahr minus 2,5% (oder 3%)
– Alter des Verlierers mehr als 80 Jahre pro Jahr minus 3% (oder 3,5%)

Wie viele Siege sind nach unserem Vorschlag nötig?

Die folgende Beispielrechnung zeigt, wie viele Siege zum LK-Erhalt bei unserem Vorschlag Variation 3 nötig sind. Es ist völlig klar, dass dies rein theoretischer Werte sind, da man vermutlich niemals 10 Siege hintereinander gegen ein Gleichaltrigen oder einen fünf oder zehn Jahre Jüngeren einfahren wird. In der Regel werden die meisten Siege gegen etwa Gleichaltrige geholt. Insofern kann man davon ausgehen, dass die Zahlen unter „gleich alt“ oder „5. J. älter“ am ehesten zutreffen werden.
Es zeigt sich, dass bei unserem Vorschlag für alle Senioren und Seniorinnen ab AK 40 weniger Siege zum Erhalt der LK notwendig sind als nach dem aktuellen System.

Verlierer und Sieger sind gleich alt 5 J. Älter 10.J.älter
Anzahl Siege für LK-Erhalt, beide LK9 8 9 11
Anzahl Siege für LK-Erhalt, beide LK12 6 7 9
Anzahl Siege für LK-Erhalt, beide LK15 5 6 7

Zur Umsetzung der Vorschläge

Kaum ein Spieler berechnet seine LK selbst, sondern wird einen LK-Rechner benutzen. Oder er berechnet gar nicht, sondern schaut sich wöchentlich oder in anderen Abständen seine LK auf mybigpoint an. Man muss die LK auch nicht selber berechnen können, wichtig ist das Verständnis dafür, mit welcher Logik die Berechnungen aufgebaut sind.
Die von uns vorgetragenen Vorschläge mögen sich kompliziert anhören, die Software- technisches Umsetzung dürfte kein Problem darstellen.


Zusammenfassung:

Ich habe festgestellt, dass der Punkt Altersklassenfaktor bei doch recht vielen Spielern in der Kritik steht. Es kommt mir darauf an, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Änderungen aussehen könnten, wenn es sich zeigen sollte, dass das neue System vielleicht genau wegen dieses Punktes nicht oder nur schlecht angenommen wird. Und nach den bisherigen Erfahrungen halte ich das für durchaus möglich.

Die von mir angeführten Berechnungsmethoden der Altersfaktoren dienen nur als Beispiel, wie man verfahren könnte. Und natürlich ist es problemlos möglich, für den jährlichen Abzug des Altersfaktors je nach eigener Vorstellung andere Zahlen einzusetzen.
Schön wäre eine möglichst breite Diskussion über die beste Berechnungsmethode.

Wichtig scheint mir, dass einerseits das LK-System so gestaltet ist, dass eine so weit wie eben möglich altersübergreifende LK-Ausgewogenheit erreicht wird, dass andererseits aber auch die Spielerinnen und Spieler als Betroffene das neue System akzeptieren. Unsere Alternativvorschläge zum jetzigen Berechnungsmodus sollen tatsächlich nur Anregungen sein und Möglichkeiten aufzeigen, wie ein Altersfaktor berechnet werden könnte.