Muttersprache

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Ich liebe die deutsche Sprache. Zugegeben, es ist die einzige, die ich kann. Zumindest einigermaßen. Denn beherrschen können sie nur wenige. Weil sie zu facettenreich, zu vielschichtig und  zu kompliziert ist. Das beginnt schon bei der Zeichensetzung.

Nehmen wir folgenden Satz: „Der Mann sagt,  die Frau kann nicht Tennis spielen.“ Einfache Aussage.  Mit einem Komma. Den Wahrheitsgehalt lassen wir mal außen vor.  Jetzt verschieben wir dieses Komma und bringen ein zweites dazu.  „Der Mann, sagt  die Frau, kann nicht Tennis spielen.“ Genau dieselben Worte. Und genau die gegenteilige Aussage.  Faszinierend, nicht wahr?

Oder nehmen Sie das unscheinbare Wörtchen „man“. Das kann ganze Sätze völlig verändern. „In Deutschland isst beim Essen das Auge mit. In China isst man beim Essen das Auge mit.“ Schon ein Unterschied, oder?

Unsere Muttersprache ist auch voller Doppeldeutigkeiten. Was halten Sie von dieser alten Mönchsregel: „Wenn deine Augen eine Frau erblicken, schlage sie nieder.“ Ist eine „Wachstube“ die Stube einer Wache oder eine Tube, in der Wachs aufbewahrt wird? Oder was meint ein Chirurg, wenn er sagt: „Ich schneide bei meinen Patientinnen ganz gut ab.“ Mein Lieblingssatz in Doppeldeutigkeit: „Ein Single ist ein Mensch, dem zum Glück der Partner fehlt.“

Wir müssen sogar auf Groß- und Kleinschreibung Rücksicht nehmen. „Hören wir weise Reden oder Weise reden? Handelt es sich um eine schöne Naht oder naht eine Schöne?  Nachdenkenswert: „Der Mensch ist Mittelpunkt“ oder „Der Mensch ist Mittel. Punkt.“ Und für Urlauber einer Karibik-Insel: „Er hat in Havanna liebe Genossen“ oder „Er hat in Havanna Liebe genossen.

Und welche Verwirrung allein die kleine Vorsilbe “un” stiften kann. In unpassierbar oder unverzeihlich bedeutet sie Verneinung; in Untaten oder Unmengen bedeutet sie Verstärkung; in Unrat oder Unverfrorenheit weder noch; bei Untiefe hingegen beides, denn Untiefe heißt laut Duden sowohl seichte als auch besonders tiefe Stelle.  Unlogisch, oder?

Und dann diese ähnlich klingenden Wörter. In keinem Fall verwechseln:

Afroasiatica und Aphrodisiaka. Man könnte sein blaues Wunder erleben.  Oder Maronen, Matronen und Makronen. Alle drei unterschiedlich genießbar. Und nennt man das kleinwüchsige Volk wirklich Pyrenäen, sind die Pygmäen Hautverfärbungen, haben die Römer auf Pigment geschrieben und steht der berühmte Pergament-Altar im Pergamon – Museum in Berlin?  War Lektor der Held der Trojaner, ist Hektor ein Flächenmaß, Hektar der Göttertrank und Nektar ein Fluss in Süddeutschland? Und hieß dieser Steineroller der griechischen Sage Syphilis oder Sysiphus? Schwierig, oder?

Und dann gibt es Worte  mit so vielen  Bedeutungen, dass man sie nur im Zusammenhang zuordnen kann.

Was kann ein  Tor nicht alles sein. Eine größere Tür, ein Bauwerk aus Balken und Netz auf dem Fußballplatz,  die Unterbringung eines Balles in eben diesem, ein Klemmenpaar an einem elektronischen Bauteil, eine Gesteinsformation, ein Hügel in England und natürlich nicht zuletzt eine Person mit unvernünftigem Verhalten. Das Jahrhunderttor fiel zweifellos 1966 in Wembley, der Jahrhunderttor war entweder der Mann, der von einer Brücke auf die Hochspannungsleitung pinkelte, um zu sehen, was passieren würde oder der Terrorist, der zu wenig Porto auf seine Briefbombe klebte und das zurück erhaltene Päckchen später selbst wieder öffnete. Nicht wirklich nachvollziehbar, oder?

Es ist auch schwierig, immer zwischen männlich und weiblich zu unterscheiden. Gast und Gästin? Hätte Grass nach der „Rättin” auch die „Buttin”  schreiben können? Wie heißt die männliche Politesse? Politur? Und möchte in der Armee der weibliche Hauptmann wirklich Hauptfrau genannt werden?  Die Gefährtin eines Fußballers ist eine Spielerfrau – wäre das Pendant Spielerinnenmann?

Und über den nächsten Satz habe ich nicht einmal mit meiner Frau zu sprechen gewagt: das Adjektiv zu Herr ist herrlich, aber wie heißt das Adjektiv zu Dame? Und wenn kleine Affen Äffchen heißen, wie heißen dann kleine Maden?

Natürlich sagen Sie als Leserin: der soll doch nur über Sachen schreiben, die er versteht. Recht haben Sie. Aber dann hätten Sie gar nichts zu lesen.

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