Man achte auf die Zeichen

Es gibt Zeichen, die sind nicht zu übersehen und man weiß sofort Bescheid.

Ein brennender Dornbusch bedeutet Gebote, Gebote, Gebote und Weihnachtsmusik im Supermarkt heißt: es ist August. Das sind Zeichen, die man nicht übersehen kann.

Und dann gibt es dieses winzige, unscheinbare Zeichen in der deutschen Grammatik, das aussieht wie eine kleine Nordsee-Krabbe oder ein entzündeter Blinddarm.

Liebe Jugend, die im Zeitalter von WhatsApp mit halben Wörtern auskommt und Satzzeichen, wenn überhaupt, nur vom Hörensagen kennt: Wir nennen es Komma. Für meine Mitbewohner im Ruhrgebiet: „Komma“ ist in Essen, Castrop-Rauxel oder Wanne-Eickel eine Aufforderung an den Gegenüber, näher zu treten; im Rest der Republik ist Komma ein Satzzeichen.

Kaum ein Zeichen wird häufiger gar nicht oder falsch gebraucht – dabei ist  das Komma überaus wichtig. Sagt zumindest der Duden. Sage und schreibe 33 Komma-Regeln führt der Duden auf, fein säuberlich nummeriert von K 100 – K 132. Falls Sie nachts mal nicht schlafen können: K 100 – K 132 lohnt das Lesen nicht. Wenig Handlung, keine Action, kaum Spannung und von Sex keine Spur. Daher vielleicht doch sogar die perfekte Einschlaf – Lektüre.

Die nächsten Zeilen waren für mich nicht leicht zu schreiben und werden für Sie nicht leicht zu lesen sein: Aber da müssen wir jetzt gemeinsam durch.

Regel K 106 zum Beispiel ist der pure Horror, wenn man eine Speisekarte schreiben oder gar Restaurant-Kritiker ist. Denn wann ein Komma gesetzt werden muss, kann der Normal-Sterbliche nur raten. Forelle Müllerin Art (ohne) – Forelle, gebraten (mit) – Forelle blau (ohne) – Forelle, gedünstet (mit) – Forelle, geräuchert (mit). Bietet man besser doch gleich Schnitzel an: mit Pommes rot-weiß und Salat, aber ohne Komma.

Regel K 101 wiederum ist grandios, wenn Sie aus dem Urlaub einem Freund eine Karte schreiben wollen: „wir wohnen an höher liegenden unbewaldeten Hängen“. Wo kommt das Komma hin?
Es gilt erstaunliches: ohne Komma, wenn es auch tiefer liegende unbewaldete Hänge gibt und mit Komma, wenn die tiefer liegenden Hänge bewaldet sind. Wenn Sie Ihre Ruhe haben wollen: setzen Sie doch einfach ein Komma oder auch nicht. Irgendwohin. Falls der Empfänger der Karte pingelig oder Erdkunde-Lehrer ist oder falls Sie es selbst ganz genau wissen wollen (also Sie selbst Erdkunde- oder gar Deutsch-Lehrer sind): Machen Sie einen mehrstündigen Spaziergang, um festzustellen, ob irgendwelche höher oder tiefer liegende Hügel bewaldet sind oder nicht. Aber dann machen Sie es gleich richtig, indem Sie auch die Definition der Vereinten Nationen beachten: ein Wald muss eine Mindestfläche von einem halben Hektar haben, wobei diese Fläche nur zu einem Zehntel von Baumkronen überschirmt sein muss. Die Anzahl der Bäume spielt keine Rolle. Also schreiten Sie die Hänge ab, zählen die Baumkronen und fangen dann an zu rechnen. Das wird Sie zwar mindestens einen halben Tag kosten, aber glauben Sie mir: Neben der frischen Luft geht nichts über ein Komma an der richtigen Stelle.

Und das interessanteste Beispiel aus dem Duden für Komma-Setzung (K 107):
„Ich arme Jungfer zart, ach, hätt ich genommen den König Drosselbart“. Man glaubt es nicht wirklich, aber so steht es tatsächlich im Duden. Jetzt mal unter uns: Haben Sie diesen Satz jemals gehört oder gar selbst gebraucht ? Freiwillig? Wie schreibt man das auf WhatsApp? Und wer zum Teufel ist Drosselbart, ist „König“ als Vorname in Deutschland erlaubt und was überhaupt ist eine Jungfer zart?

Da niemand alle diese Komma-Regeln beherzigen kann, werden die meisten ihrem Bauchgefühl folgen und ab und zu nach Gefühl ein oder auch zwei Kommas oder Kommata pro Satz oder Absatz setzen. (Damit ist auch die Frage nach dem Plural  von Komma beantwortet)

Aber Vorsicht: Keine oder falsche Komma – Setzung kann ins Auge gehen.

„Du hast den schönsten Hintern weit und breit.“ Ein Geschlechter übergreifendes Kompliment. Ohne Komma gern gehört. Mit einem Komma in der Mitte kann dieser Satz Beziehungen gefährden. „Du hast den schönsten Hintern, weit und breit.“ In arabischen Länder mag das noch als Kompliment gemeint sein, wie ich hörte, aber bei uns?

Ein weiterer Beziehungskiller:
Er sagt: „Das passt dicke!“ Sie versteht: „Das passt, Dicke!“ Da können sich Dramen abspielen.

Es gibt sogar Tennis-spezifische Kommas: „Wolfgang, der Trainer, und ich spielen Tennis.“ „Wolfgang, der Trainer und ich spielen Tennis.“ Wie viele stehen denn nun auf dem Platz?

Und in hohen Manager-Etagen kann ein Komma sogar Millionen bewegen:
„Der Manager denkt an sich selbst zuletzt“ oder „Der Manager denkt an sich, selbst zuletzt“
Erfahrungen zeigen, dass manchen Managern in Spitzenpositionen nicht nur das Gefühl für die richtige Komma-Setzung abgeht.

Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht ein Ausrufungszeichen!

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