Ich muss noch Aldi

Kurzsprache ist keine Erfindung der Jugend. Kurzsprache wurde im Ruhrgebiet unter älteren Herren schon seit jeher gepflegt. „Wie is?“ „Muss.“ „Und selbst?“ „Auch.“ So oder ähnlich laufen viele Gespräche zwischen Rentnern in Oer-Erkenschwick oder Castrop-Rauxel ab. Und mit diesen sechs Worten haben die Beiden sich ausführlich und gründlich ausgetauscht: über Gesundheit, Familie, Kinder und alle Neuigkeiten, die es seit dem letzten Zusammentreffen gegeben hat. Alles ist gesagt und keine Fragen offen.

Aber diese Art Kurzsprache klappt nur bei Männern. Bei Frauen nicht. Niemals. Im Gegenteil. Frauen haben die seltene Gabe, Dir zwei Stunden lang ausführlich zu erzählen, was sie kurz zuvor eine Stunde lang mit ihrer Freundin besprochen haben.

Zurück zur Kurzsprache. Im Zeichen von Facebook, Twitter oder SMS hat sich Kurzsprache vor allem bei der Jugend durchgesetzt. Maximal 140 Zeichen. Verständlich, aber weder schön noch grammatikalisch korrekt. Aber nicht nur junge Leute haben Probleme mit dem Einkauf. Sehen wir einmal von einigen landsmannschaftlichen Besonderheiten ab, die im Aldi oder beim Aldi gehen, so lautet die Frage:
Gehe ich nach Aldi oder zu Aldi? Und kann man nach Aldi noch zu Lidl gehen? Und dann in den Club, weil man sich dort zu Hause fühlt?

Die Antwort ist relativ einfach. Sagt der Duden. Ich gehe oder fahre zu Personen und nach Städten oder Ländern. Also gehe ich zu Aldi, fliege nach Mallorca und bin dann auf Mallorca. Besuche ich Reykjavik, bin ich auf oder auch in Island, da diese Insel auch ein Land ist. Ob Sie sich auf einer Maledive aufhalten, wenn Sie auf den Malediven Urlaub machen? Ich weiß es nicht. Aber Achtung: Wenn Sie nach Gelsenkirchen zur Veltins-Arena fahren, dann sind Sie auf Schalke. „Ich fahre auf Dortmund“ wäre ein gigantischer Lapsus – für Schalker und Dortmunder gleichermaßen.

Sollten Sie kein Fußballfan sein, fahren Sie lieber auf Kur oder auf Urlaub. Aber seien Sie auf Urlaub nicht auch auf Diät. Das bringt Sie nix, wie man im Ruhrgebiet sagen würde.

Auch im Tennis wird sprachlich geschludert. Oft höre ich im Club: „Morgen spiele ich Turnier. Aber übermorgen bin ich wohl raus.“ Von der Sache her eindeutig, aber grammatikalisch eher fragwürdig. Der Gebrauch des korrekten Futurs ist eher selten. „Morgen werde ich Turnier spielen und übermorgen werde ich wohl ausgeschieden sein.“ Den Satz kenne ich nicht einmal vom Hörensagen. Aber „Hörensagen“ hat es auch in sich: Heißt es Hörensagen, weil man es irgendjemanden hat hören sagen? Oder hat man es sagen hören? Und wenn Hörensagen sich von hat-sagen-Hören ableitet und Sagen ausgedachte Geschichten der Vergangenheit sind, also im Grunde eher Märchen als Tatsachen, was sagt das über meinen Club und seine Mitglieder aus? Oder über Tennis?

Und eine weitere Frage sei erlaubt. Habe ich es sagen hören oder sagen gehört? Und hat es dann meine Frau wissen wollen oder wissen gewollt? Und hätte ich wegen der Wissbegier meiner Frau stutzig werden müssen oder stutzig werden gemusst? Zu viele Infinitive hintereinander sind der Grammatik Tod. Weil nicht leicht im Gebrauch. Nicht mal für Tennisspieler. Da kann man seine Chancen auf perfektes Deutsch schon mal schnell flöten gehen sehen. Oder wie es ein Deutschlehrer in der vollendeten Zukunft ausdrücken würde: da werden Ihre Chancen auf gutes Deutsch aber locker flöten gegangen worden sein. Ich bin sicher, dass ich für diesen Satz einige Zuschriften von Deutschlehrern erhalten werde – falls sie denn des Versendens einer E-Mail mächtig zu sein scheinen oder – um beim Thema zu bleiben – eine versenden wollen können.

Da wir schon über meinen Club reden: Unser Clubwirt ist Italiener. Tolles Essen, tolles Ambiente, absolute Wohlfühlatmosphäre: wenn nur nicht unsere Mitglieder unbedingt auf italienisch bestellen würden. Ohne jegliche Kenntnis der italienischen Sprache. Nur weil es schick ist. Oder chic?
Wenn ich Gnocchi als Vorspeise will, wie spreche ich das aus: Gnotschi oder Njokki? Und als Wein dazu Tschianti oder Kianti? Und zum Hauptgang zwei Insalate miste oder zweimal insalata mista oder gar zwei insalatas mistas? Nummern auf der Speisekarte wären weiß Gott hilfreich. Dann nimmt man einfach die 17, die 21 und die 39. Fertig. Ist der Wirt nicht nur ein kreativer Koch, sondern auch noch mathematisch begabt, bestellt man nur die Quersumme (in unserem Fall 23 oder noch eleganter 5) und lässt sich überraschen, was er auftischt. Sorpresa italiana.

Nach dem Essen trinke ich nichts mehr. Ich würde gerne, aber was soll ich denn diesmal bestellen? Zwei Espresso? Zwei Espressos? Oder zwei Espressi? Zum Glück ist das bei uns im Club egal, denn erstens spricht der Kellner perfekt Deutsch und dieses ganze Gehampel ist nicht notwendig und zweitens kann man auch zwei caffé bestellen. Denn bei einem guten Italiener ist ein caffé immer ein Espresso. Was man in Deutschland Kaffee nennt, würde wahrscheinlich kein echter Italiener anrühren.

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