Gleichgestellt auf österreichisch

von Winfried Weidlich

Laut Duden bedeutet „gleichstellen“:
auf die gleiche (Rang)stufe stellen
die gleichen Rechte zugestehen

Synonyme zu „gleichstellen“ sind
als gleichwertig ansehen
gleich behandeln
gleichsetzen

Aus der ab 01.01.2020 gültigen Wettspielordnung des Österreichischen Tennisverbandes

§ 35 Spielberechtigung
(1) Sie erfasst im Allgemeinen nur Spieler mit österr. Staatsbürgerschaft. Diesen sind Spieler mit nichtösterreichischer Staatsbürgerschaft gleichgestellt, die nachweisen können, dass sie ihren ordentlichen Wohnsitz (Hauptwohnsitz + Meldebestätigung) und ihren Lebensmittelpunkt am 1. Jänner des Jahres, in dem der Mannschaftsbewerb beginnt, mindestens 3 Jahre im Inland innehaben.

(4) EU-Staatsbürger sind den Österreichern gleichgestellt und unterliegen keinen Ausländerbeschränkungen.

Wenn ich es also richtig verstehe:
Gleichgestellt mit Österreichern sind Nichtösterreicher, die seit mindestens drei Jahren ihren Wohnsitz in Österreich haben (quasi Tennis-Österreicher) und EU-Staatsbürger.

Als ich diese Wettspielordnung las, war ich voller Hochachtung für den Österreichischen Tennisverband ob der perfekten Umsetzung des europäischen Rechtes.
Der DTB hat lange für diese Umsetzung gebraucht, aber seit 2020 sind in den höchsten deutschen Spielklassen der Seniorinnen und Senioren EU-Ausländer deutschen Spielern gleichgestellt. Folglich dürfen ab sofort beliebig viele österreichische Spieler in einer deutschen Mannschaft auflaufen – ohne jegliche zahlenmäßige Beschränkung.

Also – so schloss ich messerscharf aus der Wettspielordnung des ÖTV – können in Österreich beliebig viele EU-Ausländer in der Senioren-Bundesliga antreten. Folglich dürfen ab sofort auch beliebig viele deutsche Spieler in einer österreichischen Mannschaft auflaufen – ohne jegliche zahlenmäßige Beschränkung.

Wie wunderbar, dass das EU-Recht in diesem Punkt in beiden Ländern derartig vorbildlich angewendet wird.

Das glaubte ich, bis ich die Durchführungsbestimmungen zur Wettspielordnung des ÖTV las.

Aus den Durchführungsbestimmungen für die Senioren Bundesliga

§ 5 Spielberechtigung
a.) In allen Altersklassen H35 – H75 und D35 – D60 ist pro Begegnung ausschließlich ein nichtösterreichischer Staatsbürger (im Einzel und im Doppel jeweils nur die gleichen Personen) spielberechtigt. Ausgenommen von dieser Regelung sind alle Spieler, die dem § 48 Abs. 1 bis 3 ÖTV-WO unterliegen (= Gleichstellungsparagraph).

Wenn ich es jetzt richtig verstehe:
Pro Begegnung darf nur ein Nichtösterreicher eingesetzt werden. Da EU-Ausländer unter den Begriff Nichtösterreicher fallen, darf also in jeder Begegnung nur ein EU-Ausländer eingesetzt werden.
Ich darf noch einmal die ÖTV-WO zitieren:
EU-Staatsbürger sind den Österreichern gleichgestellt und unterliegen keinen Ausländerbeschränkungen.

Man kann also davon ausgehen, dass für die Verantwortlichen in der ÖTV Gleichstellung weder Gleichbehandlung noch die Gewährung gleicher Rechte bedeutet, sondern eher das Gegenteil: Ausgrenzung.
Vielleicht benutzen sie ein anderes Nachschlage-Werk mit anderen Begriffsdefinitionen oder aber, wie ich vermute und befürchte: dieser Satz in der ÖTV-WO über die Gleichstellung von Österreichern und EU-Bürgern ist reine Augenwischerei.

Spieler, die dem § 48 der ÖTV-WO unterliegen, sind nach den Durchführungsbestimmungen den Österreichern gleichgestellt.
Sehr eindeutig formuliert, aber nicht ohne ein kleines Problem:
In der gültigen Fassung der ÖTV-WO habe ich keinen § 48 gefunden; die ÖTV-WO 2020 endet mit dem § 44.
Nun stellt sich mir die Frage:
Bezieht sich diese Durchführungsbestimmung auf den § 48 der nicht mehr gültigen ÖTV-WO von 2019 oder auf den nicht existenten § 48 der gültigen ÖTV-WO von 2020?
Im ersten Fall: keine gültige WO.
Im zweiten Fall: kein existenter Paragraph in einer gültigen WO.
Gibt es da rechtlich überhaupt einen einzigen Tennis-Österreicher?

Mein Fazit:
In der ÖTV-WO wird mit dem Begriff Gleichstellung jongliert, dass es nur so eine Freude ist. Tatsächlich hat sich im ÖTV für die Seniorinnen und Senioren in der höchsten Spielklasse seit Jahren nichts geändert – und von Gleichstellung der EU-Ausländer kann keine Rede sein.

Es ist wahrscheinlich genauso wie in Deutschland: Alle wissen, dass diese Regel gegen EU-Recht verstößt. Keiner handelt, bis ein Gericht den Rechtsverstoß festgestellt hat. Dann erst ändert sich etwas.
Bei allen Unterschieden zwischen DTB und ÖTV: Gemeinsamkeiten sind nicht wegzudiskutieren.