Gegen einen Gesunden habe ich noch nie gewonnen

Ich spiele jetzt 50 Jahre Schach, aber ich habe noch nie gegen einen gesunden Spieler gewonnen.
Joseph Henry Blackburne (1841 – 1924)

Und ich dachte immer, dies sei ein tennisspezifisches Phänomen. Ist es wohl nicht. Wohl eher ein menschliches. Oder am Ende gar nur ein männliches? Da spielst du stundenlang gegen einen, der keine Anzeichen eines gesundheitlichen Handicaps aufweist, bekommst aber nach der gewonnen Partie erklärt : „Ich habe schon seit Wochen eine Erkältung in mir. Normal hätte ich nie verloren.“

Aber Hand aufs Herz:: wenn wir Männer eine Erkältung haben und die Körpertemperatur bedrohliche 37,3 Grad zeigt, liegen wir jammernd und wimmernd im Bett und rufen die weibliche Dienerschaft um Hilfe an. In diesem Zustand bleibt nicht einmal ein Gedanke an Sex, geschweige denn an Sport. und da soll sich ein so Gebeutelter auf den Tennisplatz geschleppt haben? Wer soll das glauben? Und wie sollen wir Gesunde uns wehren?

Die folgenden Erfahrungen hat fast jeder von uns schon gemacht:

Du hast einen wirklich guten Tag und liegst gegen einen starken Gegner deutlich vorn. Plötzlich greift sich dieser nach einem längeren Ballwechsel mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Wade.
Regel 1: Ignorieren! Einfach ignorieren und weiterspielen. Niemals fragen: „Was hast Du?“ oder ähnlich mitfühlende Äußerungen von sich geben. Wenn er beim Seitenwechsel diese stinkende Pferdesalbe aus der Tasche holt und sich damit einreibt oder noch hinterlistiger: dich bittet, ihn einzureiben, weil er nicht an seine wahrscheinlich gerissene Sehne in der Wade kommt:
Regel 2: Ignorieren! Nur kein Mitleid! Sag ihm, Du bist allergisch gegen Pferdesalbe! Oder dass deine künstliche Hüfte auch höllisch schmerzt. Wenn er bei den nächsten Ballwechseln nicht mehr zu allen Bällen läuft und er leise, aber für dich natürlich deutlich hörbar „Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr!“ murmelt, jetzt aufpassen: Regel 3: Er darf dir in keinem Fall leid tun und es darf dir nicht peinlich sein, gewinnen zu wollen. Du wirst ihn schonen wollen ( falsch!), du wirst in deinem Spiel einen Gang zurückschalten (falsch!) , du wirst nachdenken, warum er nicht endlich aufgibt (falsch!), und ab jetzt wirst du wahrscheinlich Fehler über Fehler produzieren. Und wenn bei deinem Gegner – den Begriff Partner würde ich in diesem Fall ungern verwenden – auf einmal eine Wunderheilung eintritt und er wieder rennt wie ein Hase, hast du deinen Rhythmus, deine Sicherheit und am Ende auch das Match verloren.

Auch bei anderen Tricks sollte man auf der Hut sein:

Blutdruckmessgeräten, die wie zufällig aus der Tennistasche ragen, keinerlei Beachtung schenken.
Gegner, die auffällig ihre Herzgegend massieren, um „den Herzschrittmacher zu aktivieren“, mit Nichtachtung strafen
Frauen, die ihrem Mann, der natürlich dein Gegner ist, um 16 Uhr lautstark verkünden:“ Denk dran, dass wir um 18 Gäste haben und sei pünktlich“ aber auch nicht einen Hauch von Glauben schenken
Und sei höllisch auf der Hut, wenn ein Spieler der gegnerischen Mannschaft dir im Vertrauen erzählt, dass dein Gegner vor zwei Tagen seine Frau an seinen besten Freund verloren hat und nur spielt, „damit die Mannschaft vollzählig ist“. Glaub es nicht, denn nach dem Spiel wird diese Frau deinen Gegner herzen und küssen ob seines Sieges gegen dich Leichtgläubigen und Beeinflussbaren.
Und traue keinem Bandagierten: Was angeblich gegen Tennisellbogen oder Muskelverhärtung helfen soll, dient oft nur dazu, Pickel am Oberarm, knorrige, verdorrte Knie oder mickrige Waden zu verdecken.

Sag dir immer: wer auf dem Platz steht, um Tennis zu spielen, ist fit, egal , was er sagt, egal, was er trägt und egal, ob er den Tennisplatz nur kriechend erreicht hat. Wenn er nicht fit ist, soll er das Tennisspielen lassen oder gleich aufgeben.

Bei folgendem Spielertypen aber musst du höllisch aufpassen:

Wenn einer mit dem Maßband kommt und die Höhe des Netzes in der Mitte ( 91,4 cm) misst, die Breite oder den Durchmesser der Netzpfosten (15 cm), Höhe der Einzelstützen (107 cm), Breite dieser Einzelstützen ( 7,5 cm), die Entfernung von der Mitte der Stütze bis zu Aussenkante der Einzellinie (91,4 cm) und die Höhe des Gurtes, der das Netz niederhält ( 5cm), dann hast du einen wirklichen Tennistheoretiker vor dir. Er wird dir spielerisch nicht Paroli bieten können, aber mit seinen Regelkenntnissen, die er natürlich zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit anbringt, wird er dich wahnsinnig machen.

Mit so einem musst du ganz allein fertig werden.

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