Ein Spieler, eine Saison, ein Verein – außer im internationalen Tennis

von Winfried Weidlich

Wettspielordnung DTB § 4 Spielberechtigung (Auszug)
2. Ein Spieler darf in der Zeit vom 01.04. eines Jahres bis zum 30.09. desselben Jahres nur für einen Verband des DTB und für einen diesem Verband angeschlossenenVerein für offizielle Mannschaftswettkämpfe gemeldet werden. Dies gilt nur für inländische Verbände und Vereine. Die Teilnahme an Mannschaftswettkämpfen für einen ausländischen Verband oder Verein ist ohne Einfluss auf die Spielberechtigung im Inland.

Stellen Sie sich einmal Folgendes vor:
Ein Herr namens Messi spielt in der Champions-League am Dienstag für den FC Barcelona und am Mittwoch für den FC Bayern München. Toni Kroos läuft einmal für Real Madrid und am nächsten Tag für Borussia Dortmund auf. Und in der Europa League jeweils am Donnerstag spielen die beiden gemeinsam für AS Rom.
Wenn Sie jetzt denken: völlig irre, dann haben Sie natürlich Recht. Denn laut Regeln der FIFA darf man in einer Saison nur für einen Verein spielen.

Das ist im Tennis ganz anders. In unserer Sportart kann man weltweit gleichzeitig für zwei oder sogar noch mehr Vereine Mannschaftsspiele bestreiten. Meines Wissens nach die einzige Sportart, in der das möglich ist, und diese Regel hat eine weit größere Auswirkung auf unseren Sport, als man auf Anhieb denkt.

In der Saison 2019 hatten verschiedene Regionalliga-Vereine im Seniorenbereich fünf, sechs oder mehr EU-Bürger gemeldet, von denen aber nur jeweils zwei eingesetzt werden konnten. Da die DTB-Wettspielordnung demnächst sicher mit europäischem Recht vereinbar sein wird, können 2020 diese gemeldeten EU-Bürger auch spielen und weitere Mannschaften mit Ambitionen werden sicher nachziehen und aufrüsten. Das mag man bedauern oder auch nicht, aber so wird es wohl kommen.

Nun gelten EU-Gesetze EU-weit und werden auch nach und nach EU-weit angewendet. Also ist es natürlich, dass EU-Bürger nicht nur in ihrem Heimatland, sondern in möglichst vielen Ländern um Punkte spielen werden. Sei es aus purer Freude am Tennis oder sei es, um etwas von Europa zu sehen. Auch die Aufbesserung der persönliche Kasse mag eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

Die ITF-Regeln lassen es zu, Sponsoren werden sich finden und Spielpläne kann man aufeinander abstimmen.

Es würde mich folglich nicht wundern, wenn demnächst spielstarke Schweden in der Regionalliga am Samstag für Berlin aufschlagen und dort auf ebenso spielstarke Polen treffen, die für Rostock spielen. Gemeinsam mit den deutschen Kollegen ihrer jeweiligen Mannschaft fahren sie nach Wien, um am Dienstag für Grinzing als deutsch/polnisch/schwedische Mischung gegen einige spielstarke Italiener und Österreicher, verstärkt durch einige süddeutsche Spieler, aufzulaufen, die für Linz antreten. In einem großen Reisebus begeben sie sich dann nach Süditalien, wo, nachdem noch einige spielstarke Spanier dazu gestoßen sind, Palermo gegen Catania spielen muss. Mit dem Schiff geht es gemeinsam zu einem Doppelspieltag nach Valencia zur spanischen Liga, danach über Paris, Brüssel und Amsterdam mit kurzen Spielstops in unterschiedlichen Besetzungen wieder nach Deutschland. Dort treffen dann die schwedischen/deutschen Berliner gegen Hamburg auf die italienisch/österreichisch/deutschen Linzer und die polnischen/deutschen Rostocker spielen in Cuxhaven gegen die französisch/spanischen Catanier und einen Dänen, der gerade aus Prag angereist ist. Hier soll es gut sein. Sie wissen ohnehin, was ich meine.

Höhepunkt im Vereinsfußball ist die Champions-League, quasi die Europameisterschaft im Fußball.
Sie erinnern sich: Messi darf nur für Barcelona und Kroos nur für Madrid spielen.

Bei den Europameisterschaften der Mannschaften im Tennis wird es interessant. Da sind zwar nach der jetzigen Regelung maximal zwei ausländische Spieler (mit einer anderen Nationalität als der des jeweiligen Vereins) pro Team erlaubt, aber auch Tennis Europe wird diese Einschränkung irgendwann einmal aufheben müssen.
Und dann sind Meister verschiedener Länder (Berlin, Grinzing, Palermo, Valencia oder wo immer die Spielstops eingelegt wurden) mit derselben oder fast derselben Aufstellung qualifiziert.
Entweder diese Landesmeister treten zu der Europameisterschaft nicht an und andere Ersatz-Mannschaften spielen – dann ist es eine sportliche Farce. Das haben wir jetzt schon.
Oder die Teams treten an mit leicht veränderter Aufstellung (gleiche Spieler, andere Position), dann hat die EM höchstens den sportlichen Wert einer Clubmeisterschaft. Zugegeben: es sind dann die Clubmeisterschaften von gleich mehreren Clubs.

Selbst ich glaube nicht, dass dieses alptraumhafte Szenario Wirklichkeit werden wird. Aber wir sind, wenn diese Regel der ITF nicht geändert wird, auf dem besten Weg dahin. Das kann man
1. nicht bezweifeln und
2. nicht im Ernst wollen.

Für mich gibt es nur eine Lösung: ITF und DTB müssen beschließen, dass in einer Saison jeder Spieler weltweit nur für einen Verein spielberechtigt ist. Jeder Spieler kann und soll entscheiden, ob er für einen Verein seines Heimatlandes oder für einen Verein im Ausland spielt – aber er muss sich für einen Verein entscheiden.
Das sportliche Niveau würde nicht leiden – aber der sportliche Wert und Sinn von Mannschaftsspielen würde insgesamt steigen.
Und die Team-Europameisterschaften hätten endlich einen gebührenden sportlichen Stellenwert und würden ihrem Namen gerecht.

Damit ich nicht falsch verstanden werde:
Es geht nicht um Ausländer oder Inländer, es geht darum, dass meiner Meinung generell nach kein Spieler in mehr als einem Verein spielberechtigt sein sollte.

In allen Sportverbänden dieser Welt gilt die Regel: ein Spieler – eine Saison – ein Verein.

Und das soll ausgerechnet in unserer Sportart falsch sein?