Denglisch – die neue Tennis-Sprache

Eine Glosse von Winfried Weidlich

Ich lese gerne. Ganz besonders gerne alles, was mit Tennis zu tun hat. Und natürlich habe ich mich an die zumeist englischen Fachbegriffe gewöhnt und nutze sie auch selber. Slice statt unterschnittenem Ball, Topspin für einen Ball mit Vorwärtsdrall, Volley statt Flugball und sogar Service und Return statt Aufschlag und Rückschlag lasse ich mir gefallen.  

Ich weiß auch inzwischen, dass Longbody nicht die Bezeichnung für einen großen Menschen ist, beim crosscourt niemand plötzlich den Platz überquert und No Add keine Anweisung zu einer Subtraktion ist. 

Bei Backhand statt Rückhand oder Forehand statt Vorhand sträubt sich schon mein Gefieder und Reportern, die ständig von chip and charge, dropshot oder inside out reden, höre ich schon gar nicht mehr zu. Dass man heutzutage einen möglichst früh retournierten Aufschlag tatsächlich Sabr (Sneak Attack by Roger) nennt, finde ich schon ein wenig lächerlich.
Was mich aber richtig nervt: Wenn ich auf offiziellen Seiten englische Begriffe und Schlagworte lesen muss, die durchaus mehrere Übersetzungen zulassen und für die es im Deutschen eindeutige und weniger missverständliche Begriffe gibt.

Ein Beispiel:

Der DTB hat sein neues gesundheitsorientiertes Konzept „Motion on Court“ genannt. Kann man sicher so machen und jeder wird es in aller Regel auch im weitesten Sinn mit Bewegung auf dem Platz übersetzen. Was man leicht übersehen kann: Das englische motion hat aber noch andere Bedeutungen. Motion kann auch Antrag, Stuhl oder gar Stuhlgang bedeuten – und im letzteren Fall kann „motion on court“ schon einen durchaus unappetitlichen Beigeschmack erhalten. Kann man nur hoffen, dass jemand mit Darmproblemen, der zufällig an einer Tennisanlage vorbeikommt, diese Aufforderung nicht allzu wörtlich nimmt.

Zugegeben: „Bewegung auf dem Tennisplatz“ wäre sicher nicht so griffig gewesen – hätte aber auch keinen Raum für falsche Übersetzungen gelassen.

Auch die beiden folgenden Sätze habe ich offiziellen Verlautbarungen einer DTB-Seite entnommen – Wort für Wort und Komma für Komma:

Nachstehend einige wichtige Neuerungen die internationale alle ITF Seniorsturniere betreffen.“

Daraus folgert das die bisherige Kulanz Regelung den Spielern auch bei Closed DMs Karlsruhe und Essen zusätzlich ITF Punkte zu gewähren, ab 2018 aufgehoben wird.“

Quelle: DTB

Natürlich kann der Leser sich denken, was gemeint ist. In beiden Aussagen. Und es sollte uns Tennisspieler auch nicht stören, dass Deutschlehrer beim Lesen dieser Sätze vermutlich von nicht geringen Zuckungen befallen werden.

Mich interessiert mehr, wer den Begriff Seniorsturniere erfunden hat? Diese unsägliche Mischung aus dem englischen „seniors“ und dem deutschen „Turniere“. Seniorsturniere kennt nicht einmal Google. Nur der DTB. Warum nicht das einfache, verständliche Seniorenturniere. Zugegeben: Seniorenturnier findet man auch nicht im Duden. Aber man kann sich bei der Schreibweise an den im Duden aufgeführten Seniorenteller, Seniorengymnastik  oder Seniorenklub orientieren.

Und was mich noch brennend interessiert: Ist Seniorsturniere denn nun ein Kopulationskompositum oder doch eher ein Rektionskompositum – oder vielleicht einfach nur eine völlig frei Erfindung?


Und wenn LKWs über die Autobahn und ICEs über die Schiene rollen, kann man auch über DMs berichten.  Wäre es dann nicht auch logisch, wenn auch ITF Pkts gewährt werden?
Ich fürchte, in der nächsten Zeit werden LVs (Landesverbände) auf verschiedenen HVs (Hauptversammlungen) neue LKs (Leistungsklassen) beschließen.  

Korrekte Interpunktion und richtige Rechtschreibung werden im Deutschen ohnehin vielfach überschätzt. Die Freiheit der Sprache ist auch für mich ein sehr hohes Gut – und jeder sollte schreiben können, wie er will. Aber ich kämpfe schon ein wenig mit mir, ob in offiziellen Verlautbarungen die Einhaltung von allgemein gültigen Regeln nicht auch ein sehr hohes Gut wäre. Vielleicht sogar Teil einer gewissen Leitkultur   – und sei es nur wegen einer Vorbildfunktion auch in diesem Bereich. 

Begriffe, die in offiziellen Verlautbarungen verwendet werden, finden schnell Nachahmer. Dabei ist es unerheblich, ob diese Begriffe korrekt sind oder nicht, frei nach Goethe: Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.

Nicht in einer WhattsApp oder bei Twitter, sondern tatsächlich in einer Tennis-Zeitschrift habe ich bereits von einer Seniors-Turnierszene, von ITF-Seniors-Turnieren und sogar von jüngeren Senior-Spielerinnen oder -Spielern lesen müssen. Da bekommt man doch sprachlichen Schluckauf, oder? Wäre es nicht einfacher – und besseres Deutsch dazu – von Seniorinnen und Senioren zu schreiben. Und auch der Begriff Senioren-Turnierszene ist doch absolut eindeutig, oder?

Wenn ich demnächst von einem Singlegewinn lese, muss ich erst mal nachschauen, worin ich gerade blättere. Eine Tennis-Zeitschrift berichtet von einem Sieg im Einzel, eine Partner-Vermittlungs- Broschüre vermutlich über etwas ganz anderes.

Dass ich mich inzwischen an Worte wie „gerankt“, „geliked“, „gechecked“ oder „geupdated“ gewöhnt habe, spricht für einen gewissen Abstumpfungseffekt meinerseits.

Die Modeerscheinung, deutsche und englische Worte zu einem einzigen Begriff zusammenzufügen, sollte man als Leser nicht so ohne weiteres hinnehmen. Never ever – wie man auf Neudeutsch zu sagen pflegt.

Andererseits:
Nicht jedes deutsche Wort ist ein sprachlicher Höhepunkt. Denn unsere Vorliebe für die wahllose Aneinanderreihung von Wörtern ist sprichwörtlich. Nur mit dieser Vorliebe kann man so wundervolle Wortschöpfungen wie Turnierspielerteilnehmerentgelt überhaupt erklären.

Ich wäre fast geneigt, diesen Begriff einfach in Seniorsentgelt umzubennen.