Best ager  

Mein Enkel nennt mich alter Mann. Ich selbst nenne mich etwas freundlicher älterer Herr. Wartezimmer-Zeitschriften nennen mich best ager. Und wollen mir natürlich ewige Jugend verkaufen – mitsamt den entsprechenden Präparaten. Was die mir noch einreden wollen: als Senior war ich sparsam, bescheiden und genügsam, als best ager will ich Unabhängigkeit, Mobilität, Lebensqualität und natürlich (ohne Englisch geht es nicht) Lifestyle, Coolness und Performance. Ich habe das gelesen (ach was, verschlungen und aufgesogen), und natürlich schnurstracks ausprobiert. Alles!

Mein Clubheim nenne ich neuerdings Tennis Lounge, statt Bier trinke ich dieses scheußlich schmeckende Modegetränk Aperol Spritz und apre tennis trage ich eine modische Schawatte, also einen als Krawatte gebundenen Schal.

Und ich habe meine Pflegegewohnheiten völlig umgekrempelt. Mein Badezimmer quillt jetzt über von Anti-Aging-Produkten gegen geknitterte, gefaltete, gestresste, reife und überreife Haut. Sogar gegen unreife Haut habe ich mich abgesichert. Mein Faltenlineal liegt griffbereit neben meinen drei Haarentfernern: Rasierer, Bartschneider und Epilierer, natürlich in unterschiedlichen Pastelltönen wegen meiner Kurzsichtigkeit.

Mein Morgen beginnt mit einer Doppelstrategie aus Vor- und Tiefenreinigung, zuerst Kurkuma mit Ginseng, dann ein Antioxydant zur Vitalisierung, gefolgt von einem Öl aus Wildrosen zur Angleichung meiner Lipidstrukturen. Jetzt nur zwei oder drei hautidentische Enzyme und einige Pro Xylane zur Straffung eingerieben. Schon bin ich nach nur einer Stunde mit den allerersten Basics fertig. Die zum richtigen Einreiben notwendigen unterschiedlichen Massagegriffe lernt man schnell in einem Wochenend-Seminar. Die besten Seminare werden übrigens in Bangkok oder Phuket angeboten. Achtung Männer: Beim Einreiben niemals am Teint zerren und Cremes mit Honiganteilen wegen der Anziehungskraft auf Fliegen nur sparsam verwenden.

Peeling mache ich nur einmal die Woche, traditionell mit einem sehr feinen Granulat aus Muschelschalen vermischt mit Sesamöl. Ein schöner Nebeneffekt: Bei der Entfernung meiner Beinhaare habe ich automatisch den Maori-Kriegstanz erlernt. Meinen Bart epiliere ich nur unter Botox. Man merkt tatsächlich nichts: die Haut ist hart wie Marmor und genauso beweglich. Beim Aftershave habe ich unterschiedliche Vorlieben. Am Wochenende bevorzuge ich den Duft klassischer Eleganz, nach dem Sport eher eine ledrige, holzige und rauchige Note, beim Fernsehen liebe ich das Gefühl von Mango, Apfel oder Minze auf meiner Haut und an besonderen Tagen genieße ich einen ganz speziellen Duft für Kenner als olfaktorische Reise durch den Orient.

Manchmal lasse ich allerdings bei meiner Pflege die letzte Konsequenz vermissen, sagt meine Frau. Sie bemängelt, dass ich meine Wimpern nicht mit den empfohlenen einhundert, sondern nur mit fünfzig Bürstenstrichen pflege. Wird sie wohl durch das Schlüsselloch spioniert haben, denn im Badezimmer ist kein Platz mehr für sie, da wohne ich.

Auch meinen Haaren lasse ich besondere Pflege angedeihen. Zuerst ein exfoliating Shampoo zur Reinigung, dann ein Conditioner zur Stärkung, zuletzt ein Scalp Revitalizer. Zum Trocknen nehme ich einen Föhn mit intelligentem Innenleben und vor dem Glätten mit dem ultraschnellen Smooth curle ich mein Haar noch kurz intensiv durch. Danach sehen alle meine vier Haare üppig und aufregend sinnlich aus. Sagen diese best ager – Zeitschriften. Mein Spiegel äußert sich dazu nicht.

Nachdem ich so Körper, Geist und Seele in Einklang gebracht habe, kann ich den Tag genießen. Oder besser, was davon noch übrig geblieben ist. Ich hätte nie geglaubt, wieviel Tag in so einem Badezimmer vergehen kann.  

Deshalb habe ich auch einen Teil meines Pflegeprogramms in die Nacht verlegt. Vor dem Einschlafen spritzt meine Frau mir in mehreren Schüben ein Gift der indischen Tempelviper zur intensiven Restrukturierung meiner Dehnungsstreifen unter die Bauchdecke; zum Glätten meiner Haut reibt sie anschließend mein Gesicht mit einem Polymer ein, das wie eine Strumpfhose wirkt, sich so anfühlt und auch genauso aussieht. Während ich mich dann jung schlafe, cremt sie mich abschließend mit floralem Nektar aus asiatischem Wassernabelkraut ein. Auf meine welken Stellen schmiert sie ein wenig Petersiliensamen vermischt mit dem Saft der sizilianischen Blutorange. Zu guter Letzt klebt sie mir grüne Schoten der Vanille aus Madagaskar auf für pralle Haut.

Aber lange halte ich das Ganze nicht mehr durch. Dieses best ager – Dasein ist mir einfach zu anstrengend.

Ich will endlich wieder ein Senior sein, mich wie ein Senior fühlen und auch genauso aussehen.

Als Tennisspieler habe ich von dieser „agerei“ ohnehin nur Nachteile: zu empfindliche Füße  durch   Pediküre, zu weiche Hände wegen Maniküre, schlechte Sicht durch Augenpeeling und abstehende Wimpern, mit meinen rasierten Beinen wage ich mich in kurzer Hose überhaupt nicht mehr auf einen Tennisplatz, das Rouge in Wangenfarbe wirkt für einen 70jährigen etwas albern und Emotionen kann ich mit meinen geglätteten Gesichtsmuskeln auch nicht mehr zeigen.

Das Faltenlineal aber werde ich behalten. Meines ist ausklappbar und wunderbar zum Nachmessen der Netzhöhe geeignet.

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