13.130 LK-Punkte in einer Saison – ein Rekord für die Ewigkeit

Ingo Philipps, Jahrgang 1954 vom TC Wunstorf hat in der Saison 2018 /2019, also vom 01.10.2018 bis 30.09.2019 im LK-Race in 72 LK-Turnieren genau 13.130 Punkte erspielt – vermutlich ein Rekord für die Ewigkeit. Mit dieser Punktzahl und seinen Siegen ist er von LK 20 in LK 15 aufgestiegen.
Hier ist sein lesenswerter Bericht über dieses Rekordjahr.


Ein persönlicher Bericht von Ingo Philipps

Warum machst Du das?
72 LK-Turniere in 52 Wochen
143 Matches mit 140 Siegen

Diese Frage hat mich bei vielen Turnieren in der abgelaufenen Saison begleitet – neben der, ob ich (noch!) verheiratet sei ;-).
Wozu die vielen Turniere, wenn doch die Voraussetzungen für den Aufstieg um fünf LK schon Anfang Dezember erfüllt waren? „Das bringt Dir doch nichts“, hieß es. Wirklich?


Ursprünglich wollte ich in der Tat einfach nur ein paar LK gutmachen. Das ging schnell und brachte mich im LK-Race ziemlich weit nach vorn. Von „ziemlich weit vorn“ zu „ganz vorn“ fehlten nur ein paar Punkte: das verlockte. Sich als 64jähriger Senior mit LK20 gegen talentierte Kids mit LK23, die (ausgenommen 2018) immer das Race gewonnen hatten, vorn zu halten, war jedoch eine größere Herausforderung. Und so entstand mein familienintern mit Ausnahmegenehmigung abgesegnetes Projekt „LK-Race 2019“, das schließlich zu vier Bestmarken führte:

  • LK-Sieg mit höchstem Punktwert ever -> 13.130
  • erster LK-Sieger über 30 Jahre
  • höchste Anzahl Siege in einer Saison ever-> 140 /
  • bestes Sieg-/Niederlagen-Verhältnis ever-> 140:3 = 97,9 %.

Gern hätte ich meinem damaligem Verein auch zu einem Preis in der Clubwertung verholfen, aber die dafür erforderlichen 18.420 Punkte brachten wir nicht zusammen.

Ein mehr als allenfalls durchschnittliches Tennistalent ist mir leider nicht gegeben. Ich war 14 Jahre alt, als meine Familie Mitglied in einem neugegründeten Verein in der Lüneburger Heide (TC Häcklingen) wurde. Mit einer 430 g-Keule aus dem Kaufhaus auf den Platz geschickt, spielte ich an Tag der Platzeröffnung fast vier Stunden und hatte dabei trotz einer offenen Hand Spaß ohne Ende. Erfahrene Spieler gab es in dem Verein ebenso wenig wie einen Trainer; gut war für uns Anfänger jede Technik, die den Ball übers Netz brachte. So fand jeder seinen eigenen Stil, der mit der klassischen Technik nicht viel gemein hatte.

Doch was früh falsch gelernt wird, lässt sich später nur mühsam reparieren. Die damals verfestigten technischen Mängel begrenzen bis heute meine Möglichkeiten. Es hat in der Saison dennoch öfter zu einem Sieg gelangt, weil ich jedes Turnier so angehe, als sei mein Lebensunterhalt davon abhängig. Schließlich kostet das Turnier einen ganzen Tag und bedeutet einigen Aufwand, also sollte auch die beste Leistung auf den Platz gebracht werden.
Die Vorbereitung beginnt schon mit der vorausschauenden Turnierplanung – manche Tagesturniere sind speziell in der Hallensaison Wochen im voraus ausgebucht. Auf Basis der Meldeliste geben Profil und Matchhistorie potentieller Gegner in mybigpoint oft einen ersten Hinweis auf deren Spielweise. Am Turniervorabend wird die Tasche gepackt, ein neues Overgrip gewickelt, die Ausrüstung bis hin zum Ersatzschnürsenkel kontrolliert. Am Turniermorgen stehe ich wenigstens zwei Stunden vor der Abfahrt auf und absolviere im Fitnessraum ein Basisprogramm, um den Kreislauf und die Koordination in Gang zu bringen. Danach wird geduscht. Zum Frühstück gibt es einen Proteinshake. Als Marschverpflegung für den Tag dienen Brötchen, Bananen und Wasser. Und dann geht es los mit dem Ziel, zumindest eine halbe Stunde vor Spielbeginn einzutreffen, wobei je nach Entfernung weitere 15-30 Minuten als Sicherheitsspielraum einkalkuliert sind. Die Fahrt – im Schnitt über 150 km, s.u. – soll stressfrei sein, also Fahrassistenten aktivieren, Sitzheizung für einen entspannten Rücken einschalten…. und dann rollen lassen.

Bisweilen spielt der Gegner der zweiten Runde bei meinem (meist verfrühten) Eintreffen schon. Das bietet die Chance, den Eindruck aus dem Spielerprofil zu überprüfen und beim Zuschauen einen
vorläufigen Matchplan zu entwerfen. Im Übrigen versuche ich, bis zum Spiel in Bewegung zu bleiben.

Und dann folgt das Mirakulum des Fünf-Minuten-Einspielen. Hier ist alles vertreten, von Gegnern, die anfänglich sehr schlecht treffen, bis zu solchen, die wie ein Weltmeister loslegen, so dass man nur hofft, keine Brille zu bekommen. Die gibt es dann bisweilen doch, meist jedoch für den Gegner, weil von der Leistung beim Einschlagen nicht im Entferntesten auf die Matchleistung zu schließen ist. Ich versuche beim Einspielen die Präferenzen des Gegners zu identifizieren – und speziell das, was er verbergen will ;-). Daraus ergibt sich der Matchplan, dessen simpelste Variante lautet „Gib dem Kameraden Gelegenheit, an seinen Schwächen zu arbeiten“. Im Match bin ich immer wieder überrascht, wie viele Gegner offensichtlich planlos agieren – oft sind zwar Gewohnheiten zu erkennen, aber keine Taktik, kein Plan, kein Anpassen des Spiels an den Gegner.

Im Verlauf dieser 143 Matches durfte ich viele nette und auch einige einzigartige Sportkameraden kennen lernen. Beeindruckt hat mich ein sehr großer 130 kg-Mann, der Techniken aus seinen früheren Sportarten Badminton, Squash und Tischtennis zu ungewöhnlichen, aber sehr effektiven Schlägen verwoben hatte und so zu erheblicher Spielstärke gelangt war.

Großen Respekt vermittelte mir auch der Spieler, der im zweiten Aufeinandertreffen auf dem Weg zur erneuten Brille unverdrossen fair weiterkämpfte. Seine Verzweiflung wurde deutlich, als er beim Seitenwechsel die Zuschauer mit der gemurmelten Bemerkung rührte: „Ich will nur, dass es vorbei ist!“.

Ganz anders der Gegner, der bei vier Aufeinandertreffen dreimal gleich zu Beginn des ersten Satzes aufgab. Ebenso wie derjenige, der scheinbar gewohnheitsmäßig nach verlorenem ersten Satz und hohem Rückstand im zweiten die Waffen streckte.

Nach dem letzten Ball gab es grimmige Händeschüttler ohne Worte, einen Verlierer mit verblüffendem Schlusswort nach 1:6/1:6 („Du spielst ein komisches Tennis“) und natürlich die Unglücklichen, die ganz sicher gewonnen hätten, wenn sie nicht ausgerechnet am Spieltag halbseitig gelähmt gewesen wären.

Schlussendlich aber überwogen faire Gratulanten („Du warst besser“) – wobei ich nicht wirklich überzeugt bin, dass sich aus dem Endstand ergibt, wer „besser“ war. Letztendlich zählen wir ja nur die Fehler, was die wohl armseligste Bewertungsmethode sein dürfte. Denn die Dinge, die das Spiel schön machen und uns noch in der Nachschau ein gutes Gefühl vermitteln, wie z.B. technische oder taktische Finessen oder großartige Ballwechsel, fließen ja leider nur dann in die Zählung ein, wenn sie sich in Fehlern des Gegners niederschlagen.

Auch die Turnierveranstalter erwiesen sich als bunte Mischung, angefangen vom bestens organisierten Verantwortlichen, der frühzeitig ausloste und klug terminierte, das Tableau sofort veröffentlichte und die Spielergebnisse fast in Echtzeit online stellte über den Turnierleiter, der aus dem Tableau ein Geheimnis machte, so dass man seinen Gegner vor Ort nur mündlich erfragen konnte,.bis hin zu dem Verantwortlichen, der so terminierte, dass die Spieler im Hochsommer möglichst lange auf der Anlage bleiben (und dabei konsumieren) mussten, wobei er selbst für 90 Minuten ohne Ankündigung und Vertretungsregelung in seine Mittagspause entschwand, woraufhin Plätze leer standen, und danach auf die berechtigte Kritik einiger Spieler mit der Androhung des Spielausschlusses reagierte.

Erfreulicherweise überwogen bei weitem die Topleute unter den Veranstaltern, die gutgelaunt Neuankömmlinge begrüßten, dem Sieger bei der Ergebnisbekanntgabe gratulierten und stets den Überblick über den Spielfortschritt auf den Plätzen besaßen. Schließlich gebührt all denen, die es auf sich nehmen, nicht nur die zeitaufwendige Organisation im Vorfeld zu leisten, sondern danach auch noch das Turnier mit vollem Einsatz am Wochenende zu leiten, besonderer Dank. Ohne Euch wäre unser Sport ärmer!

Die Vielspielerei, besonders die Wochenenden mit jeweils zwei Turnieren im Dezember/Januar, hinterließ ihre Spuren. Die üblichen Verdächtigen wie Rücken und Gelenke machten keine dauerhaften Probleme. Bereits Mitte Januar jedoch holte ich mir in der Halle auf hartem Boden eine Entzündung des Sehnengeflechts unter der Fußsohle, begünstigt durch einen Fersensporn. Die konservative Therapie schaffte es gerade so, den Fuß vom Montag bis zum Freitag halbwegs schmerzfrei zu bekommen. Das Spielen am Wochenende ließ die Entzündung wieder aufflammen, so dass ab Montag erneute Behandlung angesagt war. An Training unter der Woche war daher nicht zu denken, so dass ich meine Hallenzeiten verschenkte und mich auf die Turniere konzentrierte. Im Spiel lief ich möglichst auf dem Ballen und vermied nach Möglichkeit abruptes Abbremsen. So ging das bis in den Juli hinein. Da auch Stoßwellentherapie, Röntgenreizbehandlung, Physiotherapie, Ibu-Kur, Einlagen und häufiges Kühlen keine wesentliche Linderung brachten, legte ich im August eine vierwöchige Spielpause ein, verbunden mit einer erneuten Stoßwellentherapie. Das hatte Erfolg, so dass im September weitgehend unbeeinträchtigt noch einige Matches möglich waren.

Und wie aufwendig war nun dieses Jahr?

Die im Rahmen der Turnierplanung und –auswertung festgehaltenen Daten ermöglichen eine exakte statistische Auswertung:

  • 21.702 gefahrene Kilometer
  • 301 km/Turnier
  • 13.130 Punkte
  • 182 Punkte pro /Turnier
  • 8 Besaitungen
  • 4 Paar Schuhe (2 x Halle, 2 x Sand)
  • 72 Overgrips
  • 4 Übernachtungen
  • 72 x Startgeld

Auf Basis eines Kilometergelds von 30 Ct summiert sich so ein Aufwand von 10.520 €.
Viel Geld, dennoch: Das war es wert – ein Jahr mit vielen schönen Erlebnissen!

In der laufenden Saison möchte ich für meinen neuen Verein TC Wunstorf in der Nordliga gute Spiele machen, mich noch um einige LK verbessern und bei Turnieren mit DTB-Wertung Punkte sammeln. Mein größter Wunsch ist jedoch, halbwegs verletzungsfrei zu bleiben. Denn, obwohl ich viel für die Fitness tue – u.a. 3x pro Woche jeweils 1,5 bis 2 Std Fitness, weitere 3x je 1,5 Std Stretching –, steigen mit dem Alter merklich Verletzungshäufigkeit und Rekonvaleszenzdauer. Vielleicht sollte man sich darauf einstellen, gelegentlich einfach „um Verletzungen herum“ spielen zu müssen – so gut wie es geht und so lange, wie uns dieser schöne Sport Freude macht.

Ingo Philipps in Aktion